Engländerin hat Angst vorm Spott der Nachbarn

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Noch hängen beide Fahnen: Julie Wagner drückt England die Daumen, ihr Mann und ihre Kinder hoffen auf Lahm & Co.

Mühldorf - Ein wenig Zweifel hatte die Redaktion ob für die WM-Serie nach der Vorrunde eine Fortsetzung benötigt wird. Nun trifft Deutschland im Achtelfinale auf England - und Julie Wagner hofft auf Wayne Rooney.

Keine Frage, diese Frau versteht etwas vom Fußball. Julie Wagner sitzt in ihrem Garten und plaudert über die Tradition der lausigen englischen Torhüter, über die besser organisierte Elf der Deutschen, über die viel zu lange Saison der "Premier League", die Rooney & Co. in den Knochen steckt. Und über Thomas Müller, die Kämpfernatur mit "grit". "Diese Entschlossenheit hat die Engländer früher einmal ausgemacht."

Von ungefähr kommt das alles natürlich nicht. Julie Wagner ist in einem fußballverrückten Haus groß geworden, mitten in Leeds, keine zehn Minuten vom United-Stadion entfernt. "Mit vier Jahren hat mich mein Vater zum ersten Mal zu einem Spiel der Whites mitgenommen", erinnert sich die 45-Jährige. Und später, mit 16, hat sie sogar im Stadion gejobbt. "Mitten im Fanblock habe ich Tee ausgeschenkt. Das war schon eine harte Schule."

Schule ist ein gutes Stichwort, denn im Grunde hat sich fast ihr ganzes Leben darum gedreht. In einer Schule in Frankreich hat Julie Wagner ihren Mann Christian kennen gelernt. 1985 war das, als sie in der Normandie nach ihrem Französisch- und Spanischstudium als Fremdsprachenassistentin gearbeitet und er Deutsch unterrichtet hat. Und weil die beiden in einem Appartement zusammen mit einer Spanierin wohnten, die kein Wort Englisch konnte, unterhielten sie sich ein Jahr lang nur auf Französisch.

Verstanden haben sie sich trotzdem, auf allen Ebenen, denn drei Jahre später wurde geheiratet: In Leeds, der Heimat der Braut. Vergeblich versuchten die beiden anschließend in England Fuß zu fassen. Doch weil Christian als Lehrer keine Arbeit fand, ging es nach Deutschland. "Die ersten sechs Wochen haben wir bei seinen Eltern in Niederbayern gewohnt. Und ich konnte kein Wort Deutsch, ein sprachlicher Albtraum", erzählt Julie Wagner.

Das Kultusministerium bestimmte den weiteren Weg: Zweieinhalb Jahre Referendariat in Würzburg, dann seine erste Anstellung in Wunsiedel. "Ein tolles Gymnasium, aber eben am Ende der Welt." Und außerdem drei Stunden vom Flughafen entfernt. Denn mindestens einmal im Jahr fliegt Julie Wagner nach Leeds, umgekehrt kommen auch die Eltern zu Besuch.

Inzwischen ist die Familie Wagner in Mühldorf gelandet, mit zwei Kindern. Sohn David ist 17 - und tatsächlich benannt nach David Beckham. "Er war schon damals mein Lieblingsspieler. Weil er gut und weil er hübsch war", grinst Julie Wagner. Wie ihr Bruder ist auch die 15-jährige Tochter Jessica zweisprachig aufgewachsen. "Mit den Kindern rede ich nur Englisch. Und wenn mir einmal ein deutscher Satz dazwischen kommt, sagen sie, dass ich das besser lassen soll."

Was ihr in Deutschland fehlt? "Eigentlich nichts." Dank billiger Flüge, dank Internet und E-Mail sei der Kontakt zu Freunden und Verwandten heute viel enger als in den ersten Jahren in der Fremde. Und dann fällt ihr doch noch etwas ein. "Die Lässigkeit der Engländer und dieser einzigartige Humor: Das geht mir schon manchmal ab."

Für einen Ausländer sei es ohnehin ganz schön schwer einen Zugang zu den Bayern zu bekommen. "Aber wenn man ihn dann hat, dann ist er für immer."

Am Sonntag wird sie natürlich für England die Daumen drücken. "Auch wenn ich befürchte, dass wir wieder einmal verlieren." Sollte das der Fall sein, hat sie sich schon einen Plan zurecht gelegt: "Die Englandfahnen werde ich dann im Dunkeln abnehmen." Damit es nicht zu viel Spott von den Nachbarn hagelt.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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