Infiziert mit dem Rallye-Virus

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Der Rallyesport hat seine eigene Faszination.

Mühldorf - Der Mühldorfer Ralf Edelmann tritt wieder an: Nach einem spektakulären Unfall bei der Oster-Rallye 2009 in Tiefenbach geht er am Karsamstag wieder an den Start.

Und das mit dem gleichen Fahrer und dem gleichen Auto wie bei der Oster-Rallye in Tiefenbach.

Mit Tempo 150 rast der Rallye-Urquattro in die langgezogene Linkskurve, konzentriert liest Beifahrer Ralf Edelmann aus seinem Aufschrieb vor - er sagt die nächste Kurve an. Plötzlich gerät der Audi aufs Bankett, Staub wirbelt auf, der Unterboden schlägt hart auf die Asphalt-Kante der Einmündung eines Feldweges auf, das Auto wird ausgehebelt, schleudert hoch in die Luft. "Wieso habe ich meinen Helm zwischen den Beinen?" und "Wieso ist es so still" - erst während ihm diese Gedanken durch den Kopf schießen, realisiert Ralf, dass der Urquatto durch die Luft fliegt. Durch die Wucht des Aufpralls wurde ihm der Helm vom Kopf geschleudert, 35 Meter weiter kommt der Wagen in der Wiese zum Stehen, auf den Rädern. Ralf Edelmann steigt aus, sein Rücken schmerzt, er legt sich hinters Auto. Dann kommt der Notarzt.

Dieser spektakuläre Unfall ereignete sich während der dritten von sechs Prüfungen der Oster-Rallye am Karsamstag in Tiefenbach bei Passau - Ralf Edelmann und sein Fahrer Anton Werner lagen mit drei Sekunden knapp in Führung. Beide brechen sich bei dem spektakulären Unfall einen Lendenwirbel, der Knochen ist zerborsten, lange steht nicht fest, ob sie wieder laufen können. Und heute, auf den Tag genau zwei Jahre später, treten der Mühldorfer Edelmann, sein Fahrer Anton Werner und der Ur-Quattro wieder an - bei der Oster-Rallye in Tiefenbach.

Ralf Edelmann fährt wieder Rallye.

Im Klinikum Passau wird Edelmann damals dreimal operiert, zuerst wird der Lendenwirbel mit Titanplatten versteift, dann der Wirbel wieder aufgebaut und acht Monate später die Platten wieder entnommen. Ein Jahr lang kämpft sich Ralf Edelmann zurück ins Leben mit Reha, Physiotherapie. "Ich hatte Riesen-Glück, dass das Rückenmark nicht verletzt wurde", sagt er, "jetzt habe ich fast keine Beschwerden mehr". Schon während der Reha trainiert er mehr als alle anderen. Weil er vorher schon sehr sportlich war, kommt er schneller wieder auf die Beine. Er walkt, schwimmt, trainiert an Geräten, bekommt Physiotherapie. Fängt wieder an Rad zu fahren, zu laufen. Bis er schließlich sein Pensum wieder erreicht: viermal zweieinhalb Stunden radfahren und eine Stunde laufen pro Woche - und das neben seinem Beruf als Maschinenbauingenieur bei BMW.

Angst? Nein, Angst hat Ralf Edelmann nicht. Natürlich kenne er das Risiko, schließlich fährt der 40-Jährige Rallye seit seinem 14. Geburtstag. Sein Vater war Rallye-Fahrer und hat ihn zu Veranstaltungen mitgenommen, er wird Beifahrer, größter Erfolg bis dahin war der Sieg bei den ADAC-Rallye-Masters 2007. Aber ganz sicher war er sich nach dem Unfall nicht, ob er wieder ins Auto steigen kann: Schon ein Jahr danach im Februar 2010 ist es soweit. "Ich musste einfach wissen, ob ich Angst habe", sagt er, "sonst kann ich meinen Job nicht erledigen." Dann wäre die Karriere beendet gewesen.

Aber Ralf Edelmann hatte keine Angst. Ihn reizt die Perfektion, das Fahren im Grenzbereich. Als Beifahrer bereitet er das Rennen akribisch vor, schreibt einen Einsatzplan mit genauen Anweisungen für Team und Mechaniker, und, am wichtigsten, bei der Streckenbesichtigung verfasst er das "Gebetbuch" - Din-A4-Seite für Din-A4-Seite notiert er Streckenverlauf, Abstand zwischen den Kurven, Kurvenradius, Kuppe, schwierige Strecken-Besonderheiten. Das liest er während dem Rennen dem Fahrer vor, der so blind nach seinen Anweisungen fahren könnte. "Der Fahrer orientiertsichquasiausschließlich an meiner Ansage", erklärt er, vor allem wenn die Strecke unübersichtlich sei.

Blindes Vertrauen zwischen Fahrer und Beifahrer sei da wichtig, sagt Edelmann. Und das ist auch nach dem Unfall nicht erschüttert zwischen ihm und seinem Stammfahrer. "Ich mache ihm keinen Vorwurf", sagt Edelmann. Der Unfall sei eine Verkettung unglücklicher Umstände und nicht vermeidbar gewesen, meint er. Das passiere eben bei Rallyes, die im öffentlichen Straßennetz und nicht auf perfektionierten Rennstrecken ausgetragen werden. Wäre nicht ausgerechnet in der Kurve ein asphaltierter Feldweg eingemündet, es wäre wahrscheinlich nichts passiert außer einem Ausritt in die Wiese.

Beide fahren schon seit einiger Zeit wieder gemeinsam Rallyes, allerdings mit einem anderen Auto, dem Porsche 911 GT3 von Anton Werner. Der Urquattro, Werners historisches Fahrzeug, steht seit dem Unfall 2009 in der Werkstatt. Die Karosserie war in der Mitte geknickt und es war schwer für den originalgetreuen Wagen, Baujahr 1981, Ersatzteile zu finden. Aber jetzt, pünktlich zum Ostersamstag, ist er startklar.

Und auch bei Edelmann ist der "Virus wieder aktiv", wie er sagt, der Virus Rallye. Noch akribischer als sonst habe er sich vorbereitet, "je besser ich mich vorbereite, umso geringer ist das Risiko", sagt er. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er hat kein ungutes Bauchgefühl, noch steht nicht fest, ob die lange Linkskurve wieder dabei ist, der Streckenverlauf wird erst am Renntag bekannt gegeben. "Aber wenn", sagt Edelmann, "dann schreibe ich sicher ein ,Achtung' in den Aufschrieb".

nl/Mühldorfer Anzeiger

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