Ist das Bauernsterben gewollt?

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Romuald Schaber bei einer Infoveranstaltung mit rund 150 Milchbauern in Teising.

Teising - Finanzinvestoren und Politik arbeiten an einer Veränderung der bäuerlichen Struktur hin zu profitorientierten Großbetrieben und zielen dabei angeblich auf ein Sterben der Kleinbauern:

Diese These vertrat der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber, auf einer Infoveranstaltung mit rund 150 Milchbauern in Teising.

Das Milchbauernsterben sei gewollt, wohl nicht geplant, und nur abwendbar, wenn alle Landwirte und die Verbraucher endlich an einem Strang ziehen. Nur weil der Milchpreis gerade steige, habe keiner den Mut, ein Plakat aufzuhängen oder zu Demos zu fahren, kritisierte Mühldorfs BDM-Kreisvorsitzender Alois Salzeder. "Wir müssen wieder bewegter und frischer werden. Wir müssen uns selbst helfen, sonst hilft uns keiner", forderte Altöttings Kreisvorsitzender Franz Bumeder mehr Engagement.

Für die bäuerliche Struktur der kleinen Familienbetriebe gebe es momentan zwei Bedrohungen, erläuterte Schaber: die Finanzinvestoren und die Patente der Großkonzerne sowie die Politik, die die Wettbewerbsfähigkeit am globalen Markt in den Vordergrund stelle. Fachleute in der Politik haben errechnet, dass ein Betrieb mit 250 Kühen das Optimum der Kostensenkung darstelle, sagte Schaber. "Und so werden die Weichen gestellt, dass die Betriebe größer werden, um Milch billiger zu produzieren."

In die gleiche Richtung agieren Großinvestoren, erläuterte er weiter. Viele Börsenspekulanten setzen in wirtschaftlich turbulenten Zeiten auf landwirtschaftlichen Grund und Boden als sichere Kapitalanlage. "Entweder versuchen sie, ihre Geschäftspartner in Abhängigkeit zu bringen, etwa über Gentechnik, oder sie kaufen Grund und Betriebe auf." Dabei seien ebenfalls größere Einheiten interessanter, die leichter zu verwalten seien, so Schaber. "Das einzige Interesse der Politik wie der Investoren ist Profit", sagte er, "und so ist das Bauernsterben vielleicht gewollt." Abschließend aber lasse sich diese Frage nicht beantworten.

Die Bauern aber profitieren von den steigenden Lebensmittelpreisen am Weltmarkt am wenigsten. Der Brotpreis beispielsweise sei in den vergangenen Jahren um bis zu 300 Prozent gestiegen, der Erzeugerpreis für Weizen gleichzeitig um 50 Prozent gesunken. Wenige Akteure bei Handel und Verarbeitern bestimmen mehrere Milliarden Verbraucher und mehrere Millionen Bauern. "Sich zusammenzuschließen ist ein Muss", betonte Schaber, nur so könne auf Augenhöhe verhandelt werden. Das Milch Board sei ein erster Schritt in diese Richtung, lobte er, nur so sei auch die Landwirtschaft auf die nächste Krise vorbereitet und muss dem Preisverfall nicht noch einmal hilflos zusehen.

Derzeit biete der unsichere Milchpreis - mit langen Tälern und kurzen Spitzen - wenig Investitionssicherheit. Landwirte dürften sich auch nicht vom momentanen Hoch blenden lassen, bei der geringsten Marktstörung breche der Preis wieder ein. Um den Erzeugerpreis langfristig zu stabilisieren, sei Marktsteuerung wie etwa in Kanada die einzig richtige Lösung, forderte er. Dort erhielten Bauern 54 Prozent des Erzeugerpreis in einem der liberalsten Märkte für Landwirtschaft, in Argentinien lediglich 20 Prozent.

Gleichzeitig werden in liberalen Märkten die Betriebe immer größer, mehrere tausend Tiere in einem Stall seien keine Seltenheit, dafür müssten meist schlecht bezahlte Fremdkräfte eingestellt werden. Besser sei in seinen Augen das kanadische Modell der kleinen, offenen Höfe, die hochwertige Milchprodukte herstellen, von denen die Bauern ordentlich leben können.

Die Frage, welches Modell sich in Deutschland durchsetzen soll, müsse die Gesellschaft beantworten. Derzeit sei eine Amerikanisierung der Verhältnisse bereits absehbar, in Niedersachsen sei ein erster Betrieb mit bis zu 6000 Kühen geplant, sagte Schaber. "Verbraucher müssen gezielt, regional einkaufen", forderte er, die faire Milch sei ein gutes Beispiel.

nl/Mühldorfer Anzeiger

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