Ausgerechnet aus Cordoba

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"Da bin ich geboren": Silvia Kühstetter und ihr Sohn Patrick werfen einen Blick auf die Landkarte Argentiniens.

Mühldorf - Bei der WM vor vier Jahren musste das Elfmeterschießen entscheiden - Deutschland setzte sich gegen Argentinien durch. Das bleibt hoffentlich auch heute so. Silvia Kühstetter aus Argentinien ist hier anderer Hoffnung!

Natürlich die Zehn. "Messi ist einfach der Größte", schwärmt Silvia Kühstetter und zupft sich noch schnell ihr Argentinien-Trikot zurecht. "Oh je", sagt sie dann und deutet auf den kleinen Fleck im weißen Mittelstreifen. Noch einmal waschen vor dem großen Duell am heutigen Samstag? "Kommt nicht in Frage. Bringt vielleicht Unglück."

Denn ein bisschen Glück können ihre Landsleute gegen Deutschland schon gebrauchen, glaubt die 45-Jährige: "Es wird knapp. Aber nach 90 Minuten gewinnt Argentinien." Denn ein Elfmeterschießen soll es schon gar nicht geben. "Das würde ich nicht aushalten."

Das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass sie das nicht aushalten könnte. Sie, die scheinbar nie ohne ein Lächeln auskommt, die vor südamerikanischer Lebensfreude strotzt - und schon jede Menge ausgehalten hat. Denn ihr ganz persönliches Auswärtsspiel, das ihres Lebens in Mühldorf, ist eine Begegnung mit Höhen und Tiefen. Und einer Regisseurin, die ihre Mannschaft alleine im Griff haben muss: Tochter Claudia ist elf, Sohn Patrick ist 15.

Argentinien kennen die beiden Kinder nur von der Landkarte. "Ich würde ihnen gerne einmal meine Heimat zeigen. Aber dafür reicht das Geld einfach nicht", erzählt Mama Silvia, die seit 15 Jahren nicht mehr in ihrem Heimatland war. Weit über 1000 Euro würde ein Flug von München nach Buenos Aires kosten, für eine Person. "Geht leider nicht", sagt sie. Es ist der einzige Moment in dem Gespräch, in dem sie nachdenklich wird. "Auch zur Beerdigung meiner Mutter konnte ich damals nicht fliegen. Das macht mich heute noch sehr traurig."

Doch dann kehrt das Lächeln zurück, wie auf Knopfdruck: "Es ist, wie es ist. Und es geht ja doch immer weiter." Der Satz hätte auch von Oliver Kahn stammen können.

Fußball hat Silvia Kühstetter ihr Leben lang begleitet, vor allem, weil sie aus einer berühmten Stadt kommt. Geboren in San Salvador de Jujuy an der Grenze zu Bolivien, ist sie in Cordoba aufgewachsen. Ausgerechnet. "Das kennen Sie doch auch ganz gut", grinst sie. Oh ja: Weltmeisterschaft 1978, die Schmach gegen Österreich. Krankl trifft zum 2:3. Und Edi Finger brüllt: "I wer narrisch."

Doch das Aus der Deutschen war auch der Beginn einer romantischen Geschichte: Am Rande der WM lernte Silvias Schwester damals ihren Ehemann kennen, einen Fan aus Deutschland. Die beiden heirateten und zogen nach Töging.

Weihnachten 1992 besuchte Silvia dort zum ersten Mal ihre Schwester - und begegnete ihrem künftigen Mann. Im Oktober 1993 traten die beiden in Mühldorf vors Standesamt, sechs Jahre später ging die Ehe in die Brüche.

Alleinerziehend in einem fremden Land stellte sich Silvia Kühstetter der Herausforderung, suchte sich jede Menge Jobs und lernte den Kindern mitanzupacken: Patrick muss einkaufen, staubsaugen - und bügeln. "Schadet mir ja nicht", bemerkt er lapidar, schließlich sei seine Mutter ja wenig zu Hause.

Zur Zeit arbeitet Silvia Kühstetter im Restaurant Wasserschlössl am Stadtwall. Dort darf sie sich seit einer Woche jede Menge Sticheleien der Kollegen anhören - und deren Gesang: "Don't cry for me Argentina", heißt der aktuelle Küchenhit.

ha/Mühldorfer Anzeiger

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