"Wir suchen noch das Thema"

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"Wenn Sie in ihrem Bereich weltspitze sind, kommt das Geld von alleine", sagt TU-Präsident Professor Dr. Wolfgang Herrmann.

Altötting - "Bleibt Südostbayern ein weißer Fleck in der Wissenschaft?" Diese Frage stellte sich der Präsident der Technischen Universität München, Professor Dr. Wolfgang Herrmann.

Er sprach am Freitag im Rahmen des Zukunftforums im Hotel zur Post in Altötting, und zuvor mit dem Mühldorfer Anzeiger über ein mögliches Forschungszentrum der TU in der Region und die Rolle der Stadt Mühldorf.

Politik und Wirtschaft träumen seit Jahren von Außenstellen der Fachhochschulen und Universitäten in der Region. Aus Sicht der Universitäten: Was bringt eine derartige Dependance für Sie?

Die meisten Universitäten würden an dieser Stelle sagen: "Wir haben gar nichts davon, wir wollen in den Ballungszentren bleiben und uns dort entwickeln." Anders die TUM: Als internationale Universität wollen wir unsere bayerische Verankerung stärken und gehen deshalb in die Regionen. Und zwar überall dort, wo es Sinn macht. Und wo es gewollt ist. Wir haben gute Erfahrungen mit derartigen Dependancen gemacht. Nicht nur an traditionellen Standorten wie am Walchensee, wo seit 100 Jahren das Oskar-von-Miller-Institut für Wasserbau zu Hause ist. Sondern auch in der jüngeren Vergangenheit. Zuletzt in Straubing, wo wir vor zehn Jahren erfolgreich einen Standort zum Thema nachwachsende Rohstoffe aus der Taufe gehoben haben.

Gewollt sind Sie an vielen Orten. Doch wo macht es wirklich Sinn?

Vielleicht muss man eines von vorneherein klarstellen: Wir gehen nicht in die Regionen, um dem Schüler aus Mühldorf oder Altötting ein möglichst heimatnahes Studium für den später möglichst heimatnahen Arbeitsplatz zu gewähren. Das wäre falsch gedacht. Und das will auch die Industrie nicht. Wir möchten weltoffene junge Menschen ausbilden, die mobil sind.

Trotzdem: Wo könnten Sie sich in der Region eine Außenstelle der TU München vorstellen?

Aus der Entfernung betrachtet spielt es keine Rolle, in welcher Stadt wir eine Dependance gründen. Wir haben langjährige Beziehungen in die gesamte Region aufgebaut: über unsere Schulcluster, über die Vernetzung mit 150 Gymnasien und über die "TUM School of Education" für die Lehrerbildung unter dem Dach der Universität. Der Standort Burghausen steht stellvertretend für das Chemiedreieck, wirtschaftsstark und wissenschaftsnah. Dort sind wir mit Sicherheit gewollt. Und hier bietet es sich natürlich auch an, eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung mit dem entsprechenden Kontakt zur Wirtschaft zu etablieren.

Welchen Forschungszweig haben Sie im Auge?

Bevor man ein derartiges Thema positioniert, steht vor allem eine Frage im Raum: Schaffen wir mit einer derartigen Einrichtung mindestens national ein Alleinstellungsmerkmal? Da stehen in Burghausen mit Sicherheit mehrere Varianten zur Debatte. Natürlich die Verfahrenstechnik, das würde zur Industrie vor Ort passen. Auch im Bereich der Werkstoff- oder Kunststoffforschung würden sich Synergien mit der Firma Wacker ergeben.

Nach der Energiewende und dem aktuellen Thema Elektromobilität steht auch das Thema Elektrochemie ganz oben auf der Liste.

Grundsätzlich ja. Nur das Argument des Alleinstellungsmerkmals sticht da eben nicht mehr. Denn der Bund hat in den letzten Jahren viele Mittel in diesem Bereich nach Ulm gelenkt, wo inzwischen ein Helmholtz-Zentrum zum Thema Elektrochemie entstanden ist. Wenn wir also auf diesem Feld tätig werden, dann müssen wir das mit aller Kraft in Konkurrenz zu Baden-Württemberg tun. Denn es macht keinen Sinn nur einen einzelnen Lehrstuhl zu verlagern. Wenn, dann braucht es einen großen Aufschlag.

Von welcher finanziellen Größenordnung sprechen wir denn?

Mindestens 50 Millionen Euro für Gebäude. Dazu kommen die laufenden Kosten für rund 100 Mitarbeiter, die dann hier tätig sind - macht alleine weitere fünf Millionen Euro jährliche Personalkosten.

Was sagt der Freistaat zu diesen Plänen?

Der Ministerpräsident und der Wissenschaftsminister sind für alle Wissenschaftseinrichtungen aufgeschlossen, die der Region Alleinstellung und Glanz verleihen. Auf Raitenhaslach träfe dies einzigartig zu. Die Chancen für ein "Science and Residence Centre" stehen gut. (Siehe Infokasten "Eine Denkfabrik in Raitenhaslach").

Müsste sich die Wirtschaft finanziell an einem Forschungszentrum beteiligen?

Erst später in Form von konkreten Projekten, nicht aber an der Infrastruktur und den Gebäuden. Die Wissenschaft soll ja ihre Unabhängigkeit behalten. Die spätere Finanzierung ist in meinen Augen aber auch nicht das Problem: Wenn Sie in ihrem Bereich weltspitze sind, kommt das Geld von alleine. Ich sehe einfach das entsprechende Thema noch nicht. Und ich fürchte, die Elektrochemie passt aufgrund der nationalen Konkurrenzsituation nicht.

Wo steht in Ihren Überlegungen der Bildungsstandort Mühldorf?

Mühldorf ist mit Sicherheit ein Standort für starke schulische Aktivitäten und wird sich seinen Platz in der Fachhochschul-Szene suchen müssen, die immer wichtiger wird. Vielleicht tut sich auch eine andere Möglichkeit auf: ein Verbund der Universität und Fachhochschulen mit der Ausbildung in der Industrie. Denkbar wäre eine Vernetzung mit den Fachhochschulen Rosenheim und Deggendorf und einem entsprechenden Beitrag der TU München. Doch selbst wenn es nur ein Studiengang ist, müssen die Professoren vor Ort angesiedelt werden. Sonst erhält dieses Konstrukt den Charakter einer Fernhochschule. Und die entwickelt nie eine Identität.

Mühldorfer Anzeiger

 

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