"Wir sehen heute noch die Maskenmänner"

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Reischach/Traunstein - Am Montag ging am Landgericht der Prozess gegen zwei Brüder in den 2. Tag - erneut unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Der Vorwurf: versuchter Mord.

Wie schon am ersten Tag, den 15. November 2011, glich das Traunsteiner Landgericht auch am zweiten Prozesstag eher dem Sicherheitsbereich eines Flughafens: doppelte Leibesvisitationen für alle Besucher, Ausweise wurden kopiert, Schuhe mussten ausgezogen werden, Taschen wurden inspiziert. Im Verhandlungssaal waren sechs Kripobeamte in Zivil sowie zwei uniformierte Polizisten den ganzen Tag hindurch anwesend. Auch die beiden Angeklagten (28 und 31) waren doppelt gesichert: sowohl Fußketten als auch ein Hüftgurt, an den die Hände gefesselt waren, sollten für Sicherheit sorgen. Beide Angeklagte stehen unter absolutem Kontaktverbot: sie dürfen ihre Famillie und Freunde nur anschauen, nicht aber mit ihnen reden. Sie sitzen an getrennten Bänken bei Gericht.

Der Grund: Sie sprechen untereinander die Sinti-Sprache, die sonst niemand kennt. Geheimnisse auszutauschen ist den beiden aber verboten. Außerdem hatte es bereit vor Jahren schon einmal einen Prozess gegen Mitglieder der Sinti-Familie gegeben, bei der es zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen war. Beide Angeklagten hatten bezüglich der Hand- und Fußfesseln kein Verständnis. Der ältere verglich den Zustand im Gerichtssaal mit einem "KZ". "Sind wir Tiere, oder was?" fragte er Richter Karl Niedermeier.

Der Vorwurf

Den beiden Brüdern wird vorgeworfen, am 15.12.2009 in Reischach - zusammen mit einem bislang unbekannten Mann - einen Kaufmann in seinem Privatanwesen brutal überfallen zu haben. Sie sollen - im Beisein von dessen Kindern - so energisch auf den Geschädigten eingeschlagen haben, dass dieser zwei Tage lang intensiv-stationär und mehrere Tage normal-stationär behandelt werden musste. Als Motiv wird den beiden beruflicher Neid und Geldgier unterstellt. Nachdem sich am ersten Verhandlungstag die beiden Angeklagten geäußert hatten und ihre Unschuld beteuerten, stand am Montag die Aussage des Geschädigten auf dem Programm. Dieser beschrieb die Tat wie folgt:

Die Tat aus der Sicht des Geschädigten

Der 42-Jährige sei am Abend des 15.12.2009 nach dem Abendessen bei seinen Schwiegereltern mit seinen beiden Töchtern (damals 3 und 5 Jahre alt) zu sich nach Hause gefahren. Weil er den Öffner für das Garagentor nicht dabei hatte, nahm er seine kleinere Tochter auf den Arm, trug diese ins Haus und öffnete dann von innen die Garage. Danach ging er wieder hinaus, parkte das Auto und ging mit seiner älteren Tochter ins Haus. Als er sich bückte, um seiner Kleinen den Skianzug auszuziehen, habe sich eine maskierte Gestalt von links genähert und ihm mit einem Holzscheit einen Schlag auf den Kopf versetzt, der ihn zum Umfallen brachte. Gleich darauf sollen sich zwei weitere maskierte Gestalten von außen durch die noch geöffnete Haustür genähert haben und ebenfalls auf ihn eingeschlagen haben.

Im darauf folgenden Handgemenge sollen die drei noch versucht haben, den Schrotthändler zu fesseln und ihn mit einem Elektroschocker außer Gefecht zu setzen. Irgendwie sei das Opfer aber davongekommen. Seine Kinder im Schepptau sei ihm die Flucht zu den Nachbarn gelungen. Die Angreifen hätten sich aus dem Staub gemacht. Zum Motiv konnte der 42-Jährige angeben, dass er an diesem Tag die gesamten Einnahmen der Tage davor bei sich getragen habe. Das seien rund 10.000 Euro gewesen.

Das wüssten manche, zum Beispiel seine Mitarbeiter. Den Koffer mit dem Geld habe er im Kofferraum gehabt, er sei aber nicht angerührt worden. Ebenso wenig seine Geldbörse mit rund 800 Euro. Auch hätten die Täter von ihm zu keinem Zeitpunkt Geld gefordert, sondern nur auf ihn eingeschlagen. Er selbst habe heute noch körperliche Beschwerden von dem Elektroschocker. Aber vor allem litten seine Kinder unter der Tat. "Die reden heute noch fast täglich von den Maskenmännern" und beide waren in Psychotherapie.

Der Ablauf aus der Sicht der Angeklagten

Einer der beiden Brüder hat mittlerweile eingeräumt, am besagten Abend vor Ort gewesen zu sein. Allerdings stellt er die Tat etwas anders dar. Laut dem Mann französisch-deutscher Abstammung seien er und zwei weitere Männer zu dem Schrotthändler gefahren, um bei ihm Geld einzutreiben, das er ihnen schuldig gewesen sei. Im darauf folgenden Gespräch sei die Stimmung übergekocht und das Opfer sei zuerst handgreiflich geworden, worauf sich die beiden anderen Männer - nicht er selbst - mit Fäusten gewehrt hatten. Er selbst habe noch versucht, das Opfer von hinten zu umklammern, um ihn zu beruhigen.

Noch beherrschen viele Ungereimtheiten den Fall

Die Beweise sprechen nicht gerade eine eindeutige Sprache. Der Vorsitzende Karl Niedermeier versuchte bei der Befragung zahlreicher Zeugen, Licht in die Vorkommnisse des 15.12.2009 zu bringen - scheiterte gemeinsam mit Staatsanwalt und den drei Rechtsanwälten immer wieder am Erinnerungsvermögen der geladenen Zeugen. Beispielsweise war nicht zu klären, welches Auto denn mit dem Überfall in Verbindung steht. Ein junger Mann war sich absolut sicher, zum Tatzeitpunkt einen leeren, weißen Mercedes Sprinter gesehen zu haben. Sogar an das Kennzeichen konnte er sich erinnern.

Das Auto wäre demnach eindeutig der entsprechenden Sinti-Familie zuzuordnen. Das Tatopfer hingegen war sich direkt nach der Tat sicher, einen weißen Fiat Ducato gesehen zu haben. Erst bei späteren Vernehmungen schwenkte seine Meinung um und er konnte auch den weißen Mercedes Sprinter nicht mehr als Täterfahrzeug ausschließen. Auch die Sprache sorgte für Uneinigkeit. Zu Anfang sei sich der Geschädigte sicher gewesen, die Männer hätten während der Tat in einer Sprache kommuniziert, die für ihn italienisch oder kroatisch-jugoslawisch klang. Im späteren Verhör habe man ihm aber ein Tape mit Sätzen in der Sinti-Sprache vorgeführt, woraufhin er relativ sicher war, die Männer hätten sich doch so unterhalten. Rechtsanwalt Barbarino wollte das nicht hinnehmen und sprach während der Verhandlung von "einseitig zielgerichteten Ermittlungen" der Polizei. Für ihn sehe es immer mehr so aus, als sei absichtlich alles auf die Angeklagten zugeschnitten worden, "weil es eben gerade so gut gepasst hat".

Viele Zeugen konnte sich nicht mehr an Details ihrer Aussagen von vor zwei Jahren erinnern, gaben sogar mittlerweile andere Aussagen ab. Der Vorsitzende Niedermeier fragte immer wieder sichtlich verwundert, ob es denn möglich sei, dass jemand der Familie der Angeklagten "bezüglich der Aussage an sie herangetreten sei." Dies verneinten aber alle. Konnte sich ein Zeuge beispielsweise bei der ersten Befragung genau daran erinnern, dass das rechte Licht des Sprinters defekt gewesen sei, so konnte er dazu am Montag aber gar nichts mehr sagen. Das Opfer selbst hatte bei den ersten Befragungen angegeben, zwei Männer seien von links aus dem Gang im Flur seines Hauses auf ihn zugekommen. Am Montag war er sich aber sicher, dass nur ein Mann aus dem Gang gekommen sei.

Am 1. Dezember um 9 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt. Weitere Zeugenaussagen und die Statements der Polizeibeamten, die damals die Ermittlungen geführt hatten, sollen dann mehr Licht in den Fall bringen.

ds

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