Wohlfahrtsladen hilft beim Überleben

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Töging - Vor der Lebensmittelausgabe hat sich eine Warteschlange gebildet. Der Laden brummt an diesem Dienstag nach Weihnachten. Den Großteil der etwa 15 Kunden in der Schlange machen Rentner aus.

Dazu kommen einige im "besten Alter" und wenige Jüngere. Sie warten auf Grundnahrungsmittel, Brot, Eier, vielleicht Obst, ein Päckchen Nudeln. Hier im Wohlfahrtsladen gibt es die Waren für ein paar Cent - eine entsprechende Berechtigungskarte vorausgesetzt.

Ende September hat in Töging der mittlerweile fünfte Wohlfahrtsladen im Landkreis Altötting eröffnet. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und das Bayerische Rote Kreuz (BRK) ermöglichen mit der Stadt Töging, die die halbe Miete zahlt, das Angebot in der Wolfgang-Leeb-Straße. An vier Tagen hat der Laden für jeweils etwa zwei Stunden geöffnet. An vier Tagen stehen Menschen an für verbilligte Lebensmittel, Second-Hand-Kleidung auch für Kinder, Teller, Tassen, Tischdecken, Bettwäsche oder Spielzeug und Bücher.

Die Schlange bei den Lebensmitteln ist Standard. Gelassen packen die Mitarbeiterinnen das Erhoffte ein. "Es sind fast alles Stammkunden", sagt Marianne Kasböck, die für die Arbeiterwohlfahrt den Laden vor Ort in Bewegung hält, die etwa 50 ehrenamtlichen Mitarbeiter einteilt, Kontakte zu Lieferanten knüpft. Die Menschen spüren das Engagement: "Es kommt ganz viel Herzlichkeit zurück", sagt Kasböck über die Kundschaft des Wohlfahrtsladens, zu denen 100 Menschen gehören, die Anrecht auf eine Lebensmittel-Berechtigungskarte haben. Damit gibt es auch 50 Prozent Rabatt auf andere Waren, die hier sonst auch jedermann kaufen kann. Berechtigt ist, wer Angebote wie Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II oder Grundsicherung im Alter bezieht.

Für Kasböck sind die Leute keine Almosen-Empfänger und werden auch nicht als solche behandelt. Das Team tritt allen mit Freundlichkeit und Respekt gegenüber.

Woher die große Hilfsbereitschaft in Töging kommt erklärt Kasböck so: "Große Worte sind leicht zu reden. Aber leben muss man das vor Ort." Manche Mitarbeiter hätten einfach auch Frust gehabt, dass zwar viel geredet aber wenig getan wird.

In Töging lebt die Hilfsbereitschaft. Dazu zählt nicht nur die Frau eines Müllfahrers, die plötzlich mit zwei Kartons voller abgepackter Kekstüten in der Tür steht - kleine, selbst gebackene Weihnachtsgaben von Bürgern für die Müllmänner, die das alles gar nicht selbst aufessen könnten. Zu den Gebern zählen ebenso die Discounter Rewe und Penny wie auch die Bäckereien Stief und Göbel oder der Obst- und Gemüsehändler Ayhan. Kasböck berichtet von der Schoko-Nikolaus-Aktion des Töginger Werberings, der schon bei der Eröffnung sein dauerhaftes Engagement angekündigt hatte. Auch der Landkreis Altötting trägt mit 10000 Euro für alle fünf Wohlfahrtsläden zur Unterstützung derer bei, die mit ihrer schmalen Rente oder dem Hartz-IV-Regelsatz von monatlich 351 Euro gerade nicht auskommen.

Wie sind die Aussichten für das Jahr 2010? Viele spenden Lebensmittel, sagt die Töginger AWO-Leiterin, "und es reicht noch nicht!"

Als Konkurrenz zum örtlichen Einzelhandel zählt Kasböck den Wohlfahrtsladen nicht - ebenso wenig wie die Geschäftsleute selbst, wie die AWO-Leiterin erklärt: "Ein 'Ihr nehmt uns die Kunden weg habe ich noch nie gehört". Letztlich könne die Wohlfahrtsladen-Kundschaft kaum in einem der übrigen Geschäfte regelmäßig einkaufen. Etwa 150 Euro Umsatz macht der Laden an einem Tag, 20 Euro davon im Lebensmittelbereich.

Im Wohlfahrtsladen einzukaufen kostet manche auch Überwindung. Der verkaufsoffene Herbstmarkt hat viele zu einem ersten Blick in den Laden bewegt. "Die Leute schämen sich für ihre Armut", sagt Gerda Winkler, die sich beim BRK-Kreisverband Altötting auch um die notwendige Wohlfahrtsladen-Bürokratie kümmert. Kasböck berichtet von Leuten, die Tränen in den Augen hatten, als es vor Weihnachten ein kleines Extra zum Einkauf dazu gab. Ein Mann wollte die zweite zugesteckte Tiefkühlpizza nicht annehmen, weil es anderen wohl noch schlechter gehe als im selbst.

Offen hat der Wohlfahrtsladen in der Wolfgang-Leeb-Straße 13 dienstags und donnerstags zwischen 10 und 12 Uhr, freitags von 15 bis 17 Uhr und samstags von 16.30 bis 18 Uhr.

rob/Mühldorfer Anzeiger

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