"Altötting mit Stinkbomben bewerfen!"

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Altötting - Andreas Altmann hat am Dienstag in Altötting aus seinem Buch gelesen, in dem er abrechnet mit Altötting, seinem Vater, seiner Jugend. Wir haben ihn danach getroffen.

Andreas Altmann. 62 Jahre, von Sternzeichen Waage und durch und durch Gentleman. Wenn man den Schriftsteller trifft, kommt man nie auf die Idee, was ihm in seiner Jugend alles widerfahren ist. Dass sein Vater ihn bis zu seinem 18. Lebensjahr misshandelt hat, seine Mutter ihn schon im Kindbett mit einem Kissen ersticken wollte. Aber wer weiß schon, wie jemand sein sollte, der das alles erleben musste. Altmann wirkt gefasst, in sich ruhend, aber auch aufgeweckt, intelligent und weise.

In einem Veranstaltungsraum in Altöttinger Hotel 12 Apostel hatte ich Gelegenheit, mich mit ihm ganz alleine und ungestört zu unterhalten. Über sein Buch - eine Reportage, darauf besteht er - mit dem einprägsamen Titel: "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend." Ein Titel, der Altmann beim Meditieren eingefallen ist - und der sich dann als am passendsten für das Buch herausstellte. Denn: "Bei dem Titel wissen die Leute direkt, was sie in dem Buch erwartet", so Altmann.

Andreas, bei deiner Lesung in Altötting wurdest du begleitet von zwei Bodyguards, angeordnet vom Verlag. Warum musste man um deine Sicherheit besorgt sein?

Naja, wer als Altöttinger das Buch liest, hat schon Grund, sich aufzuregen. Ich rede zwar nicht von dem Altötting von heute, sondern von meiner Jugend - aber es kommen eben so viele Ungeheuerlichkeiten vor, dass die Leute sich angegriffen fühlen. Es gibt einfach ein paar verrückte Idioten, die mir da Säure ins Gesicht schmeißen oder ein Haifischmessen herausziehen. Damit diese Leute es sich überlegen und diese Lesung vonstatten geht, ohne dass ich zum Krüppel werde, habe ich zwei starke Männer aufgestellt, die mich beschützen.

Deine Lieblingsdrohungen, die dich erreicht haben?

Ja, einer sagte "Du wirst das Buch noch bereuen", ein anderer "Komm ja nicht nach Altötting, ich werde dich in Gülle ersäufen", wieder einer "Ich frage mich, warum dein Vater dich nicht totgeschlagen hat". Es gibt nunmal auf dieser Welt die Rasse der Vernagelten.

Ist Altötting als solches auch schlimm für dich, oder nur die Tatsache, dass du deine Jugend nunmal hier verbringen musstest?

Ich meine eher diese Bigotterie, dieses dauernd sehen, dass du schuld hast, dass du nicht würdig bist. Ich will nicht ständig daran erinnert werden, dass jemand da am Kreuz für meine Sünden gestorben ist. Ich will nicht, dass jemand wegen mir am Kreuz geschlachtet wird. Ich finde die ganze Ideologie absurd. Ein gesunder Humanismus reicht doch völlig aus. Dass man jeden Menschen, blau, rot, schwul, nicht schwul, respektiert. Für was um Himmels Willen brauch ich einen Herrgott, um diese einfachen Dinge einzusehen? Außerdem bin ich Großstadtmensch, will rausgehen und Leute treffen - und nicht solche verhärmten greinenden Wimmerlinge hier sehen. Leben! Ich will Altötting mit Stinkbomben bewerfen! Das wär doch mal was!

Du verteidigst ja das Verhalten deines Vaters. Du sagst, dass seine sechs Jahre im Krieg, mit all den Grausamkeiten, die er da erleben musste, ihn versaut haben und zu dem misshandelnden Menschen gemacht hat, der er war. Wo kommt diese Größe, diese Leistung her, nach allem, was er dir angetan hat?

Das ist Lebenserfahrung. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: ein Kindsmissbrauch. Ein Pädophiler drückt sich am Spielplatz rum und überlegt sich, wie er einen Sechsjährigen abschleppen kann. Ich drücke mich nicht an Spielplätzen rum, weil mich Sechsjährige nunmal nicht interessieren! Bin ich deswegen moralisch besser? Er hat halt diesen Zwang, sich so zu verhalten. Versteh mich nicht falsch, wir haben einen Rechtsstaat, und so etwas gehört bestraft und natürlich ist es falsch und natürlich ist er schuldig - aber moralisch gesehen, was kann er denn dafür? Und so ist das mit meinem Vater auch. Er ist schuldig und hätte bestraft gehört - aber er war zur falschen Zeit am falschen Ort, im Krieg. Das versuche ich nur zu sagen.

Deine Eltern leben zwar beide nicht mehr - aber einige Protagonisten leben noch. Mit der Rechtsabteilung ist alles geklärt. Aber hattest du keine Scham beziehungsweise Angst, dieses Buch zu schreiben?

Im Gegenteil, ich hatte die moralische Pflicht, das Buch zu schreiben! Ich will mich nicht moralisch erheben, ich bin kein guter Mensch, sicher nicht. Ich dachte nur: Jetzt kann ich es, also schreibe ich das Buch jetzt. Und natürlich will ich einige der römisch-katholischen Unholde daran erinnern, dass ich mich an sie als Täter erinnere. Jetzt ist dieses Buch in der Welt. Und solange die Welt besteht, besteht auch das Buch. Ich will ein bisschen auf die Unholde spucken, und sie bloßstellen, als das, was sie uns als Kinder angetan haben.

Was waren für dich die direkten Folgen der Misshandlung in deiner Jugend - wie hat sich der psychische Stress ausgewirkt auf dich und deine Gesundheit?

Zu allererst habe ich furchtbar unter Erstickungsanfällen gelitten. Ich hatte ständig das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Und natürlich habe ich auch was unbewusst an mir selbst ausgelassen - mir die Finger- und Fußnägel blutig gerissen und die Haare gerauft. Und sehr lange Zeit konnte ich gar nichts von mir hergeben - Freud sagte mal, jede Abgabe von Materie ist ein Lustgewinn. Und das stimmt. Allein Pipimachen ist eine Erleichterung, der Sexualakt ist für den Mann eine Erleichterung, wenn du redest, dich mitteilst, tut das gut und so weiter. Das alles konnte ich nicht. Ich war teiweise zehn Tage nicht auf der Toilette, hatte Störungen in meinem Sexualverhalten, all das. Heute weiß man, dass diese Symptome auftreten, um Aufmerksamkeit zu erwecken. Damit sich meine Mutter endlich mal um mich kümmert. Und natürlich war ich noch lange lange Jahre in Therapie und hatte schwere Depressionen.

Und was hat dir dann geholfen?

Das Schreiben! Völlig klar! Therapien haben mir geholfen, dass ich über den Tag komme. Aber ohne das Schreiben wäre es nichts geworden. Ich habe unzählige Jobs gemacht - bin ausgebildeter Schauspieler, war Taxifahrer, alles, was du dir vorstellen kannst - und ich habe überall versagt. Ich bin erst genau so ein Mensch geworden, ein Loser, wie mein Vater mir immer prophezeit hat. Und dann kam das Schreiben.

ds

Rubriklistenbild: © ds

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