Schlafgestörte stehen Schlange

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Oberärztin Dr. Cristina Bartos schaut sich eine nächtliche Aufzeichnung genauer an. Hirnströme, Kreislauf- und Atmungsdaten, Sauerstoffsättigung und Muskelaktivitäten während des Schlafes sowie je nach Erkrankung auch noch andere Parameter der Patienten werden in der Zentrale des Schlaflabors aufgezeichnet.

Haag - Keine einzige Nacht blieb im letzten Jahr ein Bett frei im Schlaflabor der Klinik Haag. Das bedeutete einen Rekord von über 800 untersuchten Patienten.

Seit 1995 werden hier Erkrankungen rund um den Schlaf ganz genau unter die Lupe genommen.

"Das Schlaflabor ist eine Erfolgsgeschichte." Der Haager Chefarzt Dr. Stephan von Clarmann und Geschäftsführer Heiner Kelbel von den Kliniken Kreis Mühldorf benutzen exakt die selbe Formulierung, wenn sie nach einer Bilanz der Einrichtung gefragt werden. Inden 90er-Jahren ergriff der damalige Chefarzt Dr. Hubert Dötter die Initative für ein Schlaflabor, damals das einzige in Südostbayern - auch, um das seinerzeit akut gefährdete Haager Krankenhaus ein wenig attraktiver zu machen.

Heute liegt für das Haus wie für das Schlaflabor das Problem im anderen Extrem: Die Haager Klinik, jetzt Fachkrankenhaus für Geriatrie, weiß kaum mehr wohin mit den Patienten. Und für das Schlaflabor gibt es inzwischen Wartezeiten um die sechs Monate, obwohl es in der Umgebung weitere Angebote gibt, auch in Arztpraxen.

Die Warte-Erfahrung musste auch ein Patient aus Mühldorf machen, der sich daraufhin an die Redaktion wandte: "Jeder Anbieter einer Dienstleistung würde bei einer so großen Nachfrage nach seinen Leistungen alles Menschenmögliche tun, um diesen Zustand schnellstens zu seinen Gunsten zu ändern", ärgerte er sich. "Sofort, wenn Sie mir sagen wo und wie", hält Heiner Kelbel entgegen. Eine Erweiterung sei zum einen aus Kostengründen, zum anderen aus Platzproblemen nicht mehr möglich. Und nach der Optimierung des Belegungssystems könne man derzeit wirklich nichts mehr tun, um noch mehr Schlafgestörte zu behandeln.

Begonnen wurde in Haag mit drei Überwachungsplätzen, inzwischen sind es fünf. 2010 wurden sie aus dem Klinikgebäude in das benachbarte Ärztehaus verlegt, "ein Riesen-Fortschritt", so Oberärztin Dr. Cristina Bartos. Denn dort sind die fünf Zimmer völlig ungestört vom restlichen Klinikbetrieb, ein wichtiger Aspekt bei den nächtlichen Untersuchungen. Einher ging dies mit der Umstellung auf kabellose Signalübertragung: Die Patienten können nun auch in der Nacht ohne die früheren Verkabelungsprobleme aufstehen.

Am Morgen werden täglich 3 000 Monitorbilder pro Patient ausgewertet - im letzten Jahr auch nach Feiertagen und einigen Wochenend-Sonderschichten. Bei Absagen werden sofort Patienten von einer Warteliste einbestellt. Das alles braucht man, um dem Ansturm einigermaßen gerecht zu werden: Das Haager Labor verzeichnete in den letzten vier Jahren eine Steigerung der Fallzahlen von 25 Prozent.

"Schlafbezogene Atemstörungen kann man inzwischen als Volkskrankheit bezeichnen. Der Bezug zu Herzinfarkten oder Schlaganfällen wird immer deutlicher", so Dr. Bartos. In Studien ist die Rede davon, dass bis zu 30 Prozent der Menschen an Schlaflosigkeit leiden, bis zu zehn Prozent davon behandlungspflichtig.

Ursprünglich kam die Schlafmedizin auch in Haag aus der internen Medizin, vor allem der Lungenheilkunde. Inzwischen spielen immer mehr auch neurologische Aspekte eine Rolle, etwa Anfallsleiden oder das "restless leg"-Syndrom, die "unruhigen Beine". In Haag wird in solchen Fällen der Leiter der Parkinson-Abteilung, der Neurologe Professor Dr. Johannes Schwarz, verstärkt in die Untersuchungen mit einbezogen.

Von einer "Lernkurve" der Schlafmedizin in der Wissenschaft wie in der klinischen Praxis in den letzten Jahren spricht Dr. von Clarmann mit Blick auf die komplexen Vorgänge während des Schlafes.

Der Chefarzt sieht das Schlaflabor inzwischen perfekt in die Kliniken des Landkreises eingebunden. Zur Geriatrie gebe es einen eindeutigen Bezug: "Fast alle alten Menschen haben Schlafstörungen." Und auch das Übergewicht, bei Schlafapnoe häufig ein nicht unwesentlicher Faktor, wird in Haag und Mühldorf gezielt therapiert mit einem eigenen Ernährungsprogramm.

Das Schlaflabor ist erreichbar unter 0 80 72/3 78 32 01 oder 3 78 33 67, schlaflabor@kliniken-muehldarf.de, www.kliniken-muehldorf.de

Der häufigste Fehler in Bezug auf das Schlafen? "Zu wenig oder zu viel Schlaf, das Nickerchen vor dem Fernseher und das schwere Abendessen", so die Erfahrung der Schlafspezialisten in Haag. Häufig hätten die Patienten völlig falsche Vorstellungen über ihren Schlafbedarf und auch ihr Schlafverhalten. Ein junger Patient habe kürzlich angegeben, regelmäßig und ausreichend zu schlafen. Die Nachfrage ergab: Das gilt in drei Nächten pro Woche, "den Rest bin ich ja abends unterwegs."

Der Schlafbedarf kann individuell zwischen fünf und neun Stunden liegen und verändert sich ab dem Alter von 30 Jahren nur mehr gering: "Es wird ein bisschen weniger", so Dr. Bartosch.

Der wichtigste Rat aus Sicht der Mediziner ist eine gute Schlaf-Hygiene:

- regelmäßige Schlafzeiten

- entsprechende Dauer

- abends leichte Kost

- kühles Schlafzimmer

- kein Alkohol am Abend

Das mit dem Alkohol hängt vor allem mit der Atemmuskulatur zusammen, die nach Alkoholgenuss erschlafft und Atemaussetzer verstärkt.

Außerdem empfehlen die Schlafmediziner, nur zum Schlafen ins Bett zu gehen und bei Schlaflosigkeit wieder aufzustehen: "Das Bett soll mit dem positiven Gefühl von Erholung verbunden sein, nicht mit nächtlichem Herumwälzen und anderen Problemen."

Das Nickerchen am Tag kann sich ebenfalls zum Problem entwickeln. Denn viele Nickerchen ergeben auch einiges an Schlafzeit. "Vor allem ältere Patienten verlieren das oft aus den Augen."

Schlafapnoe, Ein- und Durchschlafstörungen oder Tagesschläfrigkeit: Das sind die häufigsten Probleme, mit denen Patienten über einen Fach- oder den Hausarzt nach Haag überwiesen werden. Dort verbringen sie in der Regel zwei Nächte im Schlaflabor. In der ersten werden alle Körperdaten aufgezeichnet, über Sensoren, Kamera und Mikrofon auch Schnarchen und Unruhe. Nach der Auswertung gibt es für die zweite Nacht häufig schon einen Therapieversuch.

Der kann vielfältig sein, 70 bis 80 Prozent der Patienten erhalten aber die Empfehlung, nachts eine sogenannte "Maske" zu tragen. Sie soll gegen die häufigste Störung, die Schlafapnoe, helfen. Das sind Atemaussetzer, die bis zu zwei Minuten dauern können und meistens mit Schnarchen einher gehen.

Im Schlaf angeschlossen an einen Schlauch, über den man mit leichtem Überdruck quasi beatmet wird? Für Nichtbetroffene ist das eine Horrorvorstellung, aber "die Akzeptanz der Maske hat klar zugenommen", versichert Dr. Bartos. Das hänge zum einen mit der verbesserten Technik zusammen, die deutlich kleiner und leiser geworden sei als früher. Zum anderen sei die Maske auch für Partner wesentlich weniger schlimm als das Schnarchen oder die Angst um den Schlafnachbarn bei langen Atemaussetzern. "Das hat sich inzwischen herumgesprochen."

Manchen Patienten hilft aber auch schon konsequentes Abnehmen. Die können am Ernährungsprogramm der Mühldorfer und Haager Klinik teilnehmen, die Lehrkrankenhaus für Ernährungsmedizin ist.

koe/Wasserburger Zeitung

Zurück zur Übersicht: Haager Land

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser