Weltreisender

Münchner übernachtete in 1055 Jugendherbergen in 47 Ländern

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Der Jugendherbergs-Reisende Walter Tiroke zeigt in seinem Garten eines seiner Hefte mit Stempeln verschiedener Jugendherbergen. Der 62-Jährige war schon in über 1000 Jugendherbergen in 47 Ländern.

München - Der Münchner Walter Tiroke liebt das Reisen - meist quartiert er sich dabei in Jugendherbergen ein. Das findet er nicht nur günstig und praktisch, sondern auch spannend.

Walter Tiroke führt genau Buch: 2074 Übernachtungen in 1055 Jugendherbergen in 47 Ländern. Seit 1973 reist der 62-jährige Münchner um die Welt. Am liebsten quartiert er sich in Jugendherbergen ein. Für ihn die spannendste, günstigste und schönste Form des Reisens. „Man kommt irgendwo an und fragt zuerst nach einer Jugendherberge.“ Das sei ein Selbstläufer. Tiroke hat auf diese Weise viele Menschen und Kulturen kennengelernt und abenteuerliche Geschichten erlebt. „Die Neugierde treibt mich an.“

Als junger Mann übernachtete Walter Tiroke zum ersten Mal in einer Jugendherberge. Das war 1973 in Lecce am Comer See. Er besuchte einen Freund, der in Italien ein Stipendium bekommen hatte. Das Prinzip Jugendherberge hat ihn damals sofort überzeugt. „Ich war ja total weltfremd.“ Außer seiner Heimatstadt München hatte er noch nicht viel gesehen. Das änderte sich schlagartig. 1974 stehen schon 20 weitere Übernachtungen in neun Jugendherbergen in Hessen, Bayern, Schleswig-Holstein und Italien zu Buche.

Meist sei er alleine unterwegs, erzählt Tiroke. Seine Art zu reisen mache nicht jeder mit. Für seine Lebensgefährtin wäre das nichts. Ihr zuliebe urlaubte er aber schon auf den Kanaren im Hotel. Manchmal begleite ihn ein Studienkollege. „Das rechne ich ihm hoch an.“ Tiroke plant nicht, sondern lässt sich treiben. Er schaut einfach, wo es ihn hin verschlägt. Seit 1986 ist er zudem meist mit dem Fahrrad unterwegs, zumindest in Mitteleuropa.

Zuhause in München kümmert er sich um Haus und Garten und um sein Waldgrundstück. Zu tun hat er genug. Dennoch will er nach einer gewissen Zeit wieder los. Er bucht sich ein günstiges Flugticket und packt seine Tasche. „Dann kribbelt es wieder.“ In 68 Ländern ist er schon gewesen, nicht überall gibt es aber Jugendherbergen.

Der 62-Jährige sitzt in seinem idyllisch eingewachsenen Garten an einem Tisch und faltet eine Karte auseinander. Sie zeigt Deutschland kurz nach der Wiedervereinigung. Im Westen sind etwa 520 Jugendherbergen einzeichnet, im Osten 180. Die meisten sind mit Leuchtstift markiert, denn da war er schon.

Etwa 130 Jugendherbergen hierzulande fehlen ihm noch. In Ostfriesland etwa. „Ich habe aber nicht den Ehrgeiz, alle abzuklappern.“ Er pflegt seine Statistik zwar genau, abhängig machen will er sich von ihr aber nicht. Tiroke will nicht dahin fahren müssen, wo er noch nicht war, nur um die letzten Flecken auf der Landkarte markieren zu können.

Immer weniger Jugendherbergen in Deutschland

Leider gehe die Zahl der Jugendherbergen in Deutschland zurück. Einige der auf der Karte eingezeichneten Unterkünfte gibt es schon nicht mehr. Die Leute wollten heute lieber in Hotels mit Swimmingpool Urlaub machen. Dabei seien viele Jugendherbergen inzwischen sehr modern. Doppelzimmer statt Schlafsaal, eigenes Bad statt Dusche und WC auf dem Flur. Und spannender sei es allemal, sagt Tiroke.

In Hotels sitze beim Essen jeder Gast an seinem eigenen Tisch, in Jugendherbergen sitze man im Speisesaal zusammen. „Da kommt man mit Menschen ins Gespräch, mit denen man am liebsten gar nichts zu tun haben würde.“ Das seien aber meist die interessantesten Begegnungen.

Oft trampt Tiroke auch. 1981 reiste er per Anhalter durch Australien, einige Jahre später durch Island. Den Sudan hat er einst mit dem Zug durchquert. Auf allen Kontinenten ist er gewesen. „In und um Europa fehlen mir das Baltikum, Bulgarien, Albanien, Griechenland und die Türkei. In Süd- und Südostasien fehlen mir Korea, Sri Lanka, Bangladesch, Buthan und Papua Neuguinea.“

Es gibt kaum etwas, worüber der Frührentner und ehemalige Beamte keine Statistik pflegt. Er blättert durch eine zig Seiten lange Liste, die genau zeigt, in welchem Jahr er in welcher Jugendherberge wie viele Nächte verbracht hat. Und natürlich wie viele Nächte er insgesamt jedes Jahr in Jugendherbergen verbracht hat. Und auch, wie viele Kilometer er mit dem Rad unterwegs war: etwa 300 000.

Stundenlang könnte Tiroke von seinen Erlebnissen berichten. In Borneo hat er sich quer durch den Dschungel geschlagen. Und als er eine grüne Grenze überquerte, habe ihn die Polizei ins Gefängnis werfen wollen. „Zum Glück bin ich aus der Sache gut rausgekommen. Ich weiß ja, wie man mit Beamten spricht“, sagt er und lacht.

In der Besenkammer übernachtet

Überfallen worden sei er nie. Sein Tipp: Sich nicht zu schick und auch nicht zu heruntergekommen kleiden. „Ich weiß auch, wie man in überfüllte Jugendherbergen reinkommt: Indem man keine Ansprüche hat.“ In Rüsselsheim schlief er in der Besenkammer, in Reutte auf dem Küchenboden und in Indien rollte er seinen Schlafsack auf einer Tischtennisplatte aus.

„Durch das Reisen habe ich viel gelernt. Über Menschen, Kulturen, Religionen. Das Reisen hat mich erwachsen gemacht“, bilanziert Tiroke. Er holt ein paar Notizbüchlein hervor, in denen er Stempel der Jugendherbergen sammelt, in denen er schon gewesen ist. Hinter jedem Stempel verbirgt sich eine Geschichte. Und es werden noch etliche hinzukommen. Sein nächstes Ziel: noch mal nach Australien.

dpa

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