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Ortsumfahrung: Todesurteil für Geschäfte im Ort?

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In Babensham führt die Straße mittlerweile am Ort vorbei, doch zur Bäckerei im Ort kommen seither nur noch wenige Autos, die für eine Breze anhalten. Können sich kleine Geschäfte durch die Stammkundschaft ernähren?

Wasserburg – Sterben die Tante Emma Läden und Bäckereien in den Ortschaften, weil die Ortsumfahrungen den Durchgangsverkehr in den Gemeinden reduzieren? Die Ansichten gehen auseinander.

Die Forderungen laut, die Entlastung herbeigesehnt. Zahlreiche Bürger sind der Meinung, dass Ortsumfahrungen wieder mehr Ruhe, Entlastung und Sicherheit in die Ortschaften bringen können. Bestes Beispiel für einen langen „Kampf“ ist Vogtareuth. Viele Jahre vergingen, jetzt sind die Bauarbeiten in vollem Gange. Ob dann nicht nur weniger Durchgangsverkehr zu bemerken sein werde, sondern es in den Geschäften im Ort auch mit den Kunden bergab gehen könnte, steht noch in den Sternen.

Die Bäckerei und die Metzgerei in der Ortsmitte haben bisher gut zu tun und zählen zahlreiche Stammkunden. Die Mitarbeiter glauben fest daran, dass sich die Kunden, die „schon immer und auch gerne“ kommen, auch weiterhin von der Ortsumfahrung nicht abhalten lassen, im Ort einzukaufen. „Natürlich wissen wir nicht, wie es wird, wenn das Angebot des Vollsortimenters an den Ortsrand kommt, ob dann die Kunden weiter zu uns halten“, heißt es von einer Mitarbeiterin der Bäckerei in Vogtareuth. Die Kundschaften scheinen die Aufregung nicht zu verstehen: „Natürlich werde ich auch weiter hier einkaufen, das ist doch meine Haus- und Hof-Bäckerei“, lächelt Siglinde Mayer. Sie glaube gar nicht, dass so viel Durchgangsverkehr, wie beispielsweise Lastwagenfahrer hier das „große Geld“ in die Kasse der kleinen Geschäfte spüle, sondern dass die Läden in den Dörfern von den Stammkunden leben könnten und dies auch so bleibe, betont Mayer.

Veränderungen deutlich

In der Gemeinde Babensham und auch in Griesstätt wurden ebenfalls Ortsumfahrungen eingerichtet. Seitdem wurde es in den Dörfern ruhiger. „Der Durchgangsverkehr war wirklich sehr stark, darum ist es für die Bürgerschaft natürlich ein Segen, dass die Umfahrung realisiert wurde“, heißt es von Griesstätts Bürgermeister Stefan Pauker. Es sei eine wichtige Möglichkeit der Entlastung und Entschleunigung eines Ortes, so der Rathauschef auf Nachfrage. Die neu geschaffenen Einkaufsmöglichkeiten haben das Gemeindeleben noch ansprechender gemacht, zeigen sich viele Bürger aus Griesstätt begeistert. „Es ist jetzt viel leiser bei uns geworden , das bringt viel mehr Lebensqualität“, betont Walter Eisner.

Was ist mit dem Bäcker im Ort? „Die Bäckerei im Ortskern plant, mit einem Café einen größeren Kundenstamm zu bekommen“, erklärt Gemeindeoberhaupt Stefan Pauker. Freilich sei der Durchgangsverkehr als Kundschaft weggefallen, doch die Umfahrung sei für die Bürger wirklich wichtig gewesen und hätte dem Ort ein Plus an Lebensqualität gebracht, so Pauker weiter.

In Babensham hat die Umfahrung nicht nur Ruhe in den Ort gebracht, sondern tatsächlich auch die Kunden der hiesigen Bäckerei geschmälert. Viele Auto- und Lastwagenfahrer kommen nun nicht mehr auf den Snack für unterwegs in die Bäckerei Mittermeier nach Babensham. „Wir merken den Rückgang der Kunden sehr“, erklärt die Inhaberin der traditionsreichen Bäckerei aus Babensham, Michaela Mittermeier. Sie müsse mit einem deutlichen Umsatzrückgang kämpfen, die Ortsumfahrung habe deutliche Spuren bei den Verkaufszahlen in der Bäckerei hinterlassen, so Mittermeier, weiter. Im Gemeindegebiet Rott wird eine B15-Ortsumfahrung verlangt.

In Lengdorf befindet sich die Tankstelle, die unter anderem vom Durchgangsverkehr lebt. „Tankstellen wird es immer neben Straßen geben“, zeigen sich zahlreiche Autofahrer, die gerade in Rott tanken, überzeugt. Die Tankstelle könnte sich dann, wenn es zu einer Ortsumfahrung kommen werde, ja entlang der Umfahrung ansiedeln, findet Pendler Peter Berger.

Bachelor-Arbeit untersuchte den Fluch der Ortsumfahrungen

Durchaus auf dem Schirm haben einige Politiker die Situation. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Stamm erklärt, dass in einer Bachelor-Arbeit aufgeführt sei, dass ein Geschäft im Ort Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent hinnehmen musste, nachdem die Umfahrung aktiv war.

„Es ist gerade für kleinere Läden, die sich mitten im Ort befinden, und wegen des Durchgangsverkehrs zusätzliche Kundschaft verbuchen, schon ein Einschnitt im Geschäftsalltag“, ist sich Stamm sicher. Natürlich entlasten Ortsumfahrungen die Bürgerschaft, doch es würden neuen Anwohner belastet werden, die dann in unmittelbarer Nähe zur Straße ihr Anwesen hätten, so Stamm. „Leider könnte es mancherorts wirklich dazu kommen, dass sich für die kleinen Geschäfte, beispielsweise Bäckereien im Ort, aufgrund der Einbußen dieser Standort nicht mehr lohnt“, betont Claudia Stamm auf Nachfrage. Für die Landtagsabgeordnete ist dieser Punkt des Ladensterbens in den Ortschaften noch zu wenig in den Köpfen der Menschen. „Glücklicherweise gibt es bereits einige Bürgermeister in der Region, die das bedenken und die betroffenen Läden bei den Strukturen und Zukunftsideen unterstützen“, so Stamm.

Gutes Beispiel ist hier wieder Griesstätt und die Zukunftsperspektive des Bäckers im Ort, die auch Bürgermeister Stefan Pauker gerne mitunterstützt. Für die einen ist es ein Segen, eine Ortsumfahrung realisiert zu bekommen, für die anderen, nämlich oft die kleinen Läden im Ort, kann es zu einem Fluch werden. Ortsumfahrungen seien grundsätzlich näher zu beleuchten, fordert Landtagsabgeordnete Claudia Stamm. „Ich finde es wahnsinnig, wie viel Fläche für die breiten Umgehungsstraßen versiegelt werden“, so die Grünen-Politikerin. Es würde viel zu viel Fläche versiegelt, dies halte sie für äußerst bedenklich für die Umwelt und die Menschheit. Das Wasser könne beispielsweise nicht mehr in nötigem Umfang in den Boden sickern, die Überschwemmungsgefahr steige, so Stamm. In Bayern würden täglich ungefähr 18 Hektar Fläche versiegelt werden, der nationale Plan für Bayern sehe lediglich 4 Hektar am Tag vor. „Das steht uns doch wirklich nicht zu“, betont Claudia Stamm. Man habe nur diese eine Erde und müsse mehr für deren Erhalt tun, so die Landtagsabgeordnete. Um im Galgenhumor mit Gerhard Polt zu reden: „Was man liebt, betoniert man zu“.

Quelle: rosenheim24.de

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