Wenn der Polizeichef zupackt...

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Die Innstraße in Fahrtrichtung stadtauswärts - hier passierte es: Auf Höhe der Stelle, an der sich die Radfahrerin befindet, sprang der Ex-Polizeichef von rechts vom Geh- auf den Radweg und riss den Radfahrer zu Boden.

Rosenheim - Ein Polizist (51) reißt einen Radler (26) in voller Fahrt zu Boden. Beide ziehen sich Verletzungen zu, werden krank geschrieben. Zur Kasse soll aber nur der Radfahrer gebeten werden!

Darum dreht sich derzeit ein Verfahren am Amtsgericht Rosenheim. Pikant dabei: Der Beamte, der im Mai 2011 - so weit liegt der "Unfall" zurück - so energisch zupackt, ist nicht irgendein Verkehrspolizist. Es ist der Polizeichef selbst. Jener Polizeichef, der Monate später einen gefesselten Schüler (15) in der Wiesn-Wache erheblich verletzt.

Die Wahrheit liegt in der Mitte, heißt es. Wenn sich Polizisten und vermeintliche Opfer von Polizeigewalt im Gerichtssaal treffen, ist das anders. Da gibt es immer zwei Wahrheiten.

Das war so im Prozess um den Einsatz in Pfaffenhofen; genauso im Verfahren gegen den Ex-Leiter der Polizeiinspektion Rosenheim, der den Schüler in der Wiesn-Wache erheblich verletzte (wir berichteten). Und das ist auch jetzt so im kleinen Saal 138 im Amtsgericht, zweiter Stock, wo der Freistaat Bayern in einem Zivilverfahren von einem 26-jährigen Stephanskirchener genau 1355,14 Euro einklagt.

Der Ex-Polizeichef, am 26. Mai 2011 zusammen mit einem Kollegen zu Fuß und in Uniform auf der Innstraße stadteinwärts unterwegs, sagt als Zeuge aus, er habe sich schon auf dem Radweg postiert, den rechten Arm gehoben und "Halt, Polizei" gerufen, als der Radfahrer - er strampelte stadtauswärts in Richtung Schloßberg - noch 30 Meter entfernt war. "Wir hatten länger Blickkontakt", so der 51-Jährige. Dennoch habe der Radler beschleunigt und einfach an ihm vorbeifahren wollen - und so habe er zugepackt.

Der Zahntechniker erzählt eine ganz andere Geschichte. Er habe mittags vom Arbeitsplatz in der Sonnenstraße zum Essen heimradeln wollen, in der Innstraße auf dem Radweg auf geschätzte 25 km/h beschleunigt, als plötzlich von rechts der Polizist hinter einem geparkten VW-Bus hervorgesprungen sei - höchstens ein bis zwei Meter entfernt: "Zum Bremsen war es schon zu spät." So habe er reflexartig einen Schlenker nach links gemacht, "aber da hat mir der Polizist an den Oberarm gegriffen und mich heruntergerissen".

Der Zahntechniker überschlug sich mit dem Fahrrad, auch der Polizeichef lag Augenblicke später auf der Straße. Der Radler blieb benommen liegen, kam aber schnell wieder auf die Beine. Er zog sich eine schmerzhafte Knieverletzung zu. Der Polizeidirektor verletzte sich an der Hand. Beide wurden einige Tage krank geschrieben.

"Als ich da so auf der Straße lag, hat sich der Polizist über mich gebeugt und mich angeschrien: Was mir einfallen würde, dass ich gefälligst aufstehen soll, ob ich keine Augen im Kopf habe", berichtet der Radfahrer Amtsrichter Wilhelm Gumpp. Der interessiert sich für jedes Detail der Kollision.

Wenig später kam der Krankenwagen. Der Polizist stieg ein, der Radler verzichtete auf einen Arzt, wollte nur noch heim und machte gleich an der "Unfallstelle", im ersten Schock und auf dem Gehsteig sitzend, seine Aussage, die eine "sympathische, nette Polizeibeamtin" aufnahm.

Kratzer im Ehering des Ex-Polizeichefs

Am nächsten Tag habe ihm diese Beamtin mitgeteilt, dass er kein Verfahren zu befürchten habe, sagt der Zahntechniker. Nur deshalb habe er sich von seinem Rechtsanwalt, Dr. Werner Schropp aus Rosenheim, dazu bewegen lassen, ebenfalls auf eine Anzeige zu verzichten. "Mein Mandant war sehr empört und wollte den Vorfall damals nicht auf sich beruhen lassen", versichert Schropp dem Richter.

Fast zwei Jahre später sitzt der Radfahrer nun im Gerichtssaal und versteht die Welt nicht mehr. Er ist der Beklagte. 1355,14 Euro stellt der Freistaat, vertreten durch das Landesamt für Finanzen, dem bis heute völlig unbescholtenen jungen Mann in Rechnung, weil er sich von dem inzwischen suspendierten und wegen Körperverletzung im Amt zu einer Bewährungsstrafe von elf Monaten verurteilten Ex-Polizeichef vom Rad reißen ließ.

903 Euro Dienstausfall sowie 191 Euro Behandlungs- und Therapiekosten macht der Staat geltend - plus 76 Euro für die Kratzer am neuen Ehering des Polizisten, die bei dem ungewöhnlichen Zugriff entstanden sein sollen und von einem Schmuckladen wegpoliert wurden.

Wie der Beklagte und sein Anwalt später erfahren mussten, hat die Staatsanwaltschaft sehr wohl gegen den Zahntechniker wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt. Das Verfahren wurde aber nach Paragraf 153, Absatz 1 der Strafprozessordnung wegen Geringfügigkeit eingestellt. Gegen den Polizisten wurde dagegen nie ein Verfahren eröffnet.

Wie Monate später auf dem Herbstfest 2011, als der Polizeichef den gefesselten Schüler (15) packt, obwohl Kollegen alles im Griff haben, so verblüfft der 51-Jährige mit seinem rabiaten Einschreiten auch den Polizisten (45), der am 26. Mai an der Seite des Chefs die Innstraße entlang geht. Für ihn "völlig überraschend" sei der Inspektionsleiter auf einmal vom Fuß- auf den Gehweg gesprungen, sagt er als Zeuge aus. Und: "Ich persönlich hätte nicht nach dem Radfahrer gegriffen, das war unverhältnismäßig." Gleichzeitig erklärt er, sein Vorgesetzter habe sich nicht erst im letzten Moment in den Weg gestellt: "Der Radfahrer hätte schon anhalten können."

"Eine vollkommen überzogene Reaktion"

Der Grund für den filmreifen Einsatz: "Ich wollte den Radfahrer auf eine mögliche Ordnungswidrigkeit ansprechen", so der Polizist. Er habe angenommen, der 26-Jährige könne an der 40 Meter entfernten Ampel bei Rot in die Innstraße eingebogen sein. "Eine vollkommen überzogene Reaktion, einen Radfahrer bei einem Tempo von 25 km/h vom Rad zu reißen", folgert Anwalt Schropp und plädiert auf Klageabweisung. Das Urteil wird erst im März gesprochen.

Ludwig Simeth (OVB-Heimatzeitungen)

Quelle: rosenheim24.de

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