Eingesperrte 26-Jährige aus Rosenheim ist Autistin

Eine Mutter erzählt: So ist das Leben mit einem autistischen Kind

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Rosenheim - Der Fall um die eingesperrte 26-Jährige war vor allem eine familiäre Tragödie. Ihre Mutter scheint offenbar zunehmend mit ihrer autistischen Tochter überfordert gewesen zu sein, bis alles zusammenbrach. Daher führten wir ein Interview mit Katrin Hennig, der Leiterin der Rosenheimer Selbsthilfegruppe Autismus. Sie hat selbst einen autistischen Sohn. 

rosenheim24.de: Frau Hennig, wie haben Sie auf die Nachricht reagiert, dass es sich bei der eingesperrten 26-Jährigen um eine Autistin handelt? 

Katrin Hennig: Ich hatte es zu Beginn der Berichterstattung schon ein wenig befürchtet. Als die Bestätigung dann kam, war ich aber dennoch erschrocken. Als Mutter eines 12-jährigen Autisten und Leitung der Selbsthilfegruppe (SHG) Autismus Rosenheim gehen einem sofort viele Bilder und Gedanken durch den Kopf.

rosenheim24.de: Wie haben denn die Mitglieder der Selbsthilfegruppe reagiert? Kennen Sie denn die Frau und die Tochter?

Hennig: Nein, bis wir aus den Medien davon erfuhren, waren uns die 54-jährige Frau und ihre Tochter nicht bekannt. Es herrschen Bestürzung und Ratlosigkeit – und natürlich drehen sich unsere Gespräche auch um die Frage, wie es so weit kommen konnte.

rosenheim24.de: Sind Sie dabei zu Antworten gekommen? 

Hennig Aus eigener Erfahrung sprechen viele Mitglieder vom Versagen des Systems. Es zeigt einfach, wie belastend das Leben mit einem autistischen Menschen sein kann. Und das in erster Linie nicht deswegen, weil der Autist oder die Autistin ein „Problem“ ist, sondern weil es einem in der Öffentlichkeit nicht immer leicht gemacht wird. Die Gesellschaft hat noch ein großes Problem mit nicht sichtbaren Behinderungen.

rosenheim24.de: Können Sie uns ein Beispiel nennen? 

Hennig: Es gibt unzählige Beispiele in unserer Gruppe. Seitens der Gesellschaft herrscht eine grundlegend ablehnende Haltung gegenüber Unbekanntem. Da man einem Autisten den Hilfebedarf nicht sofort ansieht, wird er mit seinen Bedürfnissen nicht ernstgenommen. Versucht man, sich zu erklären, ist man gleich den unvermeidlichen Vorurteilen ausgesetzt. Die bewegen sich dann zwischen den Kategorien 'Wunderkind' und 'Pflegefall'. Dabei gibt es unendlich viele Ausprägungen – weshalb man ja mittlerweile von einem Autismus-Spektrum spricht. In unserer Gruppe haben wir zum Beispiel nicht-sprechende autistische Kinder, aber auch Jugendliche, die gerade eine Ausbildung begonnen haben und erwachsene Autisten mit eigenen Kindern. Das Stigma der 'Kühlschrank-Mutter' hält sich leider auch immer noch hartnäckig. Es wird behauptet, die Mutter gebe dem Kind schlichtweg zu wenig Geborgenheit und Wärme. Andere sehen Autismus als reine Modediagnose.

rosenheim24.de: Im aktuellen Rosenheimer Fall ist davon die Rede, dass die 26-Jährige oft aggressiv gewesen sei und sich ihre Mutter deswegen nicht mehr mit ihr vor die Tür traute. 

Hennig: Das sind für mich reine Spekulationen und Gerüchte, an denen ich mich nicht beteiligen möchte. Im Allgemeinen gibt es aufgrund der veränderten Wahrnehmung natürlich gewisse Ausprägungen, die ein solches nicht-beeinflussbares Benehmen erklären können. Mit Begriffen wie Overload, Meltdown oder Shutdown erklären uns erwachsene Autisten solche auf Außenstehende befremdlich wirkenden Verhaltensweisen. Wir sind froh darüber, uns bundesweit mit erwachsenen Autistinnen und Autisten austauschen zu können, die uns Eltern dabei helfen, unsere Kinder besser zu verstehen.

rosenheim24.de: Wie sieht denn ihr persönlicher Alltag aus? 

Hennig: Der Großteil des Tages dreht sich um meinen zwölfjährigen Sohn. Ich als Mutter versuche, ihm unsere Welt zu erklären, ja regelrecht zu übersetzen. Das ist natürlich zeitraubend und anstrengend. Wie jeder pflegende Elternteil gerät man da an seine physischen und psychischen Grenzen. Zumal jeder Tag anders ist und man oft viele Dinge von außen nicht beeinflussen kann. Mein Sohn braucht klare Abläufe und Strukturen. Man muss ihm immer wieder Anweisungen geben und ihn in seinen Handlungen führen. Dazu reicht es nicht, Dinge nebenbei zu erklären. Das führt meistens zu Missverständnissen und dadurch zu noch mehr Erklärungsarbeit. Er ist zum Beispiel in seiner Wahrnehmung in Bezug auf Temperatur gestört. Es kann vorkommen, dass er im Januar barfuß oder in Flip-Flops nach draußen will. Jetzt ist es Frühling, es wird wärmer – aber er legt sich mit dicken Wollsocken ins Bett. Im Sommer versteckt er sich vor jedem Ventilator, weil es ihn sonst friert.

rosenheim24.de: Können Sie selbst sich denn eine Auszeit nehmen? 

Hennig: Schwer. Mein Mann ist im Schichtdienst Vollzeit berufstätig, außerdem habe ich eine achtjährige Tochter, die ja auch ein Anrecht auf ihre Mutter hat. Ich habe aber Gott sei dank meine Eltern und gute Freunde, die mich unterstützen und zu denen mein Sohn auch Vertrauen hat. Ohne unser Netzwerk – zu dem auch der sogenannte „familienentlastende Dienst“ (FED) gehört - wäre vieles nicht machbar. Hobbys meines Sohnes zum Beispiel: Die kann er noch nicht alleine bewältigen und braucht deshalb immer eine Unterstützung in Form eines vertrauten Ansprechpartners. Die Unterstützungen helfen mir sehr, aber unser soziales Umfeld leidet trotzdem unter der ständigen Anspannung.

rosenheim24.de: Gibt es denn Hilfe seitens der Behörden? Wie ist die Situation in Rosenheim?

Hennig: In der Stadt Rosenheim ist – auch dank der Selbsthilfegruppe – etwas in Bewegung geraten. Wir stehen im ständigen Austausch mit den Ämtern und Fachleuten. Allgemein gibt es aber noch viel zu tun. Langwierige Wege zur Diagnose, lange Wartelisten bei Therapien, keine flexiblen und nachhaltigen Lösungen beim Thema Kindergarten und Schule – und das sind nur einige der Probleme. Gerade im Landkreis Rosenheim ist das Wort „Inklusion“ vielerorts noch ein Fremdwort. Von über 100 Mitgliedern die regelmäßig die Selbsthilfegruppe besuchen, gibt es bei keinem einzigen überhaupt keine Probleme. In extremen Fällen werden die Kinder z.B. gar nicht beschult oder die Eltern massiv unter Druck gesetzt, ihr Kind in Fremdbetreuung zu geben.

rosenheim24.de: Wie kommt das? 

Hennig: So hart es klingen mag: Meistens sehen sich die Behörden einfach nicht in der Lage, Inklusion zu gewährleisten, manchmal trifft man aber auch auf Menschen die einem frech ins Gesicht sagen, dass sie auf Inklusion keine Lust haben. Die setzen sich dann als Entscheidungsträger einfach über sämtliche Regeln hinweg. Denn es ist natürlich mit Anstrengung, Zeitaufwand und manch Kosten verbunden, einem Menschen mit Autismus sein Recht auf gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen.

rosenheim24.de: An wen können sich Eltern von autistischen Kindern und selbst Betroffene wenden? Wo gibt es Hilfe?

Hennig: Grundsätzlich ist natürlich jeder bei unseren Treffen und Veranstaltungen herzlich eingeladen. Unser Netzwerk ist in den letzten eineinhalb Jahren erstaunlich angewachsen und gerade der persönliche Austausch mit anderen betroffenen Eltern oder Menschen mit Autismus selbst kann schon sehr hilfreich sein. Wir hatten viele Väter und Mütter bei uns, denen es schon ungemein viel Kraft gegeben hat, überhaupt einmal über ihre täglichen Probleme zu reden und Menschen um sich herum zu haben, die sie verstehen und nicht ihre Erziehung infrage stellen. Ich habe auch schon mitten in der Nacht mit völlig verzweifelten Müttern telefoniert.

rosenheim24.de: Was wünschen Sie sich denn für die Zukunft? Welche Ziele haben Sie bei Ihrer Arbeit? 

Hennig: Ich würde mir wünschen, dass das Wort „Autismus“ nicht immer nur in negativem Zusammenhang in der Öffentlichkeit auftaucht. Inklusion und Verständnis sind gefragt. Da ist jede Unterstützung willkommen. Wir wollen die Menschen aufklären – dazu dient vor allem unser für den Herbst geplanter Fachtag zum Thema Autismus. 

Zur Person: 

Katrin Hennig, Jahrgang 1984, ist Mutter eines zwölfjährigen autistischen Sohnes. 2014 gründete sie mit Mitstreiterinnen die Selbsthilfegruppe Autismus Rosenheim, die sich jeden vierten Freitag im Monat trifft. Weitere Informationen unter shg_autismus@yahoo.de.

Das Interview führte Stefan Kumberger

Quelle: rosenheim24.de

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