Artikelserie: Cannabis aus der Apotheke - das sagt die Bayerische Landesärztekammer

"Cannabis entkrampft und steigert das Wohlbefinden, aber..."

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Karl Huber darf mit ärztlicher Genehmigung Cannabis rauchen

Rosenheim - Karl Huber darf jetzt mit staatlicher Genehmigung kiffen. Er hat dadurch den langen Kampf gegen die Alkoholabhängigkeit gewonnen. Wir haben die Bayerische Landesärztekammer (BLÄK) zu dem Thema befragt.

Im vierten Teil unserer Serie "Cannabis aus der Apotheke" haben wir Dr. med. Heidemarie Lux, 1. Vizepräsidentin der Bayerischen Landesärztekammer zu dem Thema "Cannabis als Medizin" befragt:

rosenheim24.de: Wie viele Ärzte verschreiben derzeit Cannabis zu Therapiezwecken?

Lux: Hierzu liegen der Bayerischen Landesärztekammer keine Zahlen vor. 

rosenheim24.de: Ist es den Ärzten selbst überlassen, Cannabis zu verschreiben, oder nicht?

Dr. med. Heidemarie Lux, 1. Vizepräsidentin der Bayerischen Landesärztekammer, Fachärztin für Innere Medizin, Nürnberg / Mittelfranken

Lux: Wie bei jedem Arzt-Patienten-Kontakt steht vor der Therapieentscheidung die Anamnese und die Indikationsstellung. Wenn bereits verschriebene Schmerzmittel nicht wirken und der Leidensweg des Patienten anhält, sind andere Therapie- bzw. Behandlungsmethoden zu überdenken. Gerade bei chronisch Kranken kann Cannabis ein effektives Mittel zur Schmerzlinderung sein. Cannabis kann bei Schlafstörungen helfen, es entkrampft und steigert das Wohlbefinden der Schmerzpatienten. Zu bedenken ist jedoch, dass auch Cannabis Nebenwirkungen verursachen kann. Es können zum Beispiel psychische Störungen oder physische Störungen wie Herz-Kreislauf-Probleme auftreten. Auch hat Cannabis ein Suchtpotenzial, das nicht außer Acht gelassen werden darf. Es gilt also vor jeder Behandlung eine genaue Risiko-Nutzen-Abwägung vorzunehmen.

rosenheim24.de: Wie steht die Bayerische Landesärztekammer allgemein dem Thema "Cannabis als Medizin" gegenüber?

Lux: Die Bayerische Landesärztekammer befürwortet Cannabis auf Rezept für schwerkranke Patienten. Es handelt sich nicht um eine Legalisierung der Droge, sondern es geht um die medikamentöse Versorgung chronisch kranker Patienten. Wegen der Nebenwirkungen gehört Cannabis aber ärztlich verordnet. Abzuraten ist davon, Cannabis als Heilmittel zu verwenden oder als alternatives Mittel gegen Krebs einzusetzen. Hier fehlen wissenschaftliche Studien, die die Anti-Krebs-Effekte von Cannabis bei Menschen belegen.

rosenheim24.de: Wie steht die Bayerische Landesärztekammer dem Thema "Legalisierung von Cannabis" gegenüber?

Lux: Die BLÄK begrüßt grundsätzlich das Vorhaben des Bundesgesundheitsministeriums, eine erweiterte Verordnungsfähigkeit cannabinoidhaltiger Arzneimittel zu schaffen. Die wissenschaftliche Datenlage für die Abgabe von standardisierten und in kontrollierter Dosis einsetzbaren Cannabis-Arzneimitteln für bestimmte Anwendungsgebiete zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen ist ausreichend. Eine Verordnungsfähigkeit von Cannabis in Form von getrockneten Blüten und Extrakten wird jedoch abgelehnt.

Während Übersichtsarbeiten den therapeutischen Einsatz von cannabionoidhaltigen Rezeptur- und Fertigarzneien nachweisen, fehlt es für den Einsatz von Medizinal-Cannabisblüten an ausreichender wissenschaftlicher Evidenz. Auch ist zu berücksichtigen, dass der Gebrauch von Medizinalhanf keine genaue Dosierung der medizinisch wirksamen Komponenten von Cannabis (Tetrahydrocannabinol (THC) zählt zu den psychoaktiven Cannabinoiden) erlaubt und dessen Gebrauch als Joint mit den gesundheitlichen Gefahren des Tabakrauchens verbunden ist.

Eine unkontrollierte Abgabe von Cannabis ohne ärztliche Aufsicht lehnt die BLÄK ab.

rosenheim24.de: Ein neuer Gesetzentwurf sieht vor, dass künftig Cannabis relativ einfach von Ärzten, ohne die Sondergenehmigung der BfArM verschrieben werden kann. Werden die Cannabispatienten dadurch ihrer Meinung nach mehr werden?

Lux: Jede Verordnung von Cannabis setzt eine Indikation voraus. Die Sicherheit und die Kontrolle des Betäubungsmittelverkehrs bleibt auch mit dem neuen Gesetzentwurf gewährleistet, in dem die Erfahrungen aus den bisherigen Ausnahmeerlaubnissen nach § 32 Absatz 2 BtMG zum Erwerb von Cannabis zur Anwendung im Rahmen einer medizinisch betreuten und begleiteten Selbsttherapie Berücksichtigung finden.

rosenheim24.de: Wann verschreibt ein Arzt Cannabis als Medizin bzw. stellt eine Erlaubnis zum medizinischen Konsum von Cannabis aus? Muss der Patient dafür "austherapiert" sein?

Lux: Siehe oben

rosenheim24.de: Nach welchen Kriterien gehen Ärzte bei der Entscheidung, eine Cannabis Selbsttherapie zu begleiten, vor?

Lux: Siehe oben

rosenheim24.de: Wie überprüft der Arzt, ob die Therapie anschlägt?

Lux: Wie bei jeder anderen langwirksamen Schmerztherapie sollte in regelmäßigen Abständen eine Überprüfung der Wirksamkeit der Behandlung erfolgen. Diese Wirksamkeitsüberprüfung sollte in der Regel von einem Hausarzt vorgenommen werden, der zur Wirksamkeitsbeurteilung beispielsweise u.a. folgende Kriterien heranzieht: Schmerzintensität, - intervalle, Lebensqualität, Mobilität.

rosenheim24.de: Es gibt ja viele Studien, die positive medizinische Eigenschaften von Cannabis belegen. Warum werden diese Ihrer Meinung nach nicht schon viel besser genutzt?

Lux: Cannabis hat durchaus einen Stellenwert und wird bei bestimmten Patienten bereits eingesetzt. Cannabis auf Rezept für schwerkranke Patienten - gegen den Vorschlag der Bundesregierung ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Es gibt Anwendungsgebiete, wie Epilepsie, Multiple Sklerose oder bei Spastiken

rosenheim24.de: Wie wird die Zukunft in Sachen "Cannabis als Medizin" aussehen?

Lux: Die BLÄK unterstützt die Kostenübernahme für Cannabis-Fertigarzneien und Rezepturen.

Lesen Sie auch die ersten drei Teile der Serie:

- Rosenheimer darf nach langem Kampf legal kiffen

- Die Stellungnahme der Polizei

- Interview mit Apotheker Markus Bauer

- Stellungnahme der Bundesopiumstelle

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser