Artikelserie: Cannabis aus der Apotheke - Apotheker Markus Bauer im Interview

"Warum werden die Vorteile von Cannabis nicht mehr genutzt?"

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Markus Bauer, Pharmazeutischer Leiter der Alten Apotheke in Rosenheim

Rosenheim - Karl Huber darf jetzt mit staatlicher Genehmigung kiffen. Er hat dadurch den langen Kampf gegen die Alkoholabhängigkeit gewonnen. Wir haben mit seinem Apotheker gesprochen.

Im dritten Teil der Serie "Cannabis aus der Apotheke" erläutert Karl Hubers Apotheker Markus Bauer, Pharmazeutischer Leiter der Rieder'schen  Alten Apotheke in Rosenheim, wie das mit dem legalen Cannabiskonsum aus Sicht der Apotheke abläuft.

Wir haben mit Markus Bauer im Interview über rechtliche Voraussetzungen, die Pharmaindustrie, seine Meinung zu Cannabis als Medizin und vieles mehr gesprochen: 

Interview

rosenheim24.de: Wie läuft es ab, Cannabis als Medizin herauszugeben?

Bauer: Grundsätzlich braucht der Patient eine Sondergenehmigung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die nicht leicht zu kriegen ist. Dort bekommt der Patient eine Nummer, mit der er berechtigt ist, das Cannabis zu erhalten. Dann muss er eine Apotheke benennen, von der er sein Cannabis beziehen möchte und auch ich muss mir dann eine Sondergenehmigung vom BfArM beschaffen. Ich kannte mich da ehrlich gesagt erst auch nicht aus. Ich habe mich dann erkundigt, wie das genau läuft, dass auch alles rechtens ist.

Dann bekomme ich für diesen einen Patienten eine Sondergenehmigung. Das ist immer patientenbezogen. Ich darf mit dieser Genehmigung nur an diesen einen Patienten Cannabis herausgeben.

rosenheim24.de: Man muss sich als Apotheke also erst registrieren?

Bauer: Ja, man muss sich registrieren. Ich darf ja ganz normal mit Betäubungsmitteln hantieren, da hat man eine Erlaubnis. Diese Erlaubnis bezieht sich aber nicht auf Cannabis, da das normalerweise auf legale Weise nicht vertreibbar ist. Mit dieser Sondererlaubnis bekommt man aber die Genehmigung. In der Genehmigung steht dann drin, 'ich darf den Herrn soundso versorgen und keinen anderen'. Wenn jetzt jemand kommt und Cannabis haben will, muss er sich erst einmal registrieren und mit seiner Erlaubnis dann wieder kommen. Dann darf ich den Patienten auch versorgen. Ich darf generell auch jeden anderen versorgen, aber erst wenn ich ein Schreiben bekommen habe, dass er die Erlaubnis hat.

Möchte der Patient zu einer anderen Apotheke gehen, muss er diese erst offiziell benennen. Die Apotheke muss dann auch den ganzen Behördengang machen, was aber kein Problem ist. Da trauen sich aber nur die wenigsten drüber.

Ich habe mich nicht aufgedrängt, der Patient ist von selbst auf uns zugekommen. Wir sind ja dafür bekannt, dass wir alles versuchen, egal ob es dieses oder jenes ist. Mehr wie ein Nein kann dabei ja nicht rauskommen. Wenn ich die Erlaubnis bekomme und jemanden helfen kann dabei, dann mache ich das natürlich.

rosenheim24.de: Wie beziehen Sie das Cannabis? In welcher Form kommt das?

Bauer: Das sind im Endeffekt die getrockneten Blüten. Die werden in einem kleinen verschlossenen Döschen geliefert und sind grammweise portioniert. Ich bekomme das von einem ganz normalen Lieferanten, bei dem man auch andere Dinge bestellen kann. Generell kommt das Cannabis aus Holland.

Die Lieferanten haben auch eine besondere Erlaubnis, dass sie das vertreiben dürfen. Sie haben eine Einfuhrerlaubnis etc. Das ist wirklich alles strengstens geregelt. Es wird bei der Firma dokumentiert, ich muss es auch dokumentieren und halbjährlich dem BfArM melden, was ich noch da habe und wie viel ich abgegeben habe. Der Patient bekommt von uns auch die Lieferscheine, mit denen er das wiederum belegen kann, sollte er einmal von der Polizei aufgegriffen werden.

Das Gesundheitsamt kommt bei uns auch in regelmäßigen Abständen vorbei, die kontrollieren dann die Lieferscheine und überprüfen die Bestände. Wenn dann da was nicht stimmt, muss ich mich natürlich erklären.

rosenheim24.de: Gibt es verschiedene Sorten, zwischen denen unterschieden wird? Kann man z.B. sagen gegen dieses Leiden hilft diese Sorte und gegen das andere Leiden die andere Sorte?

Bauer: Jein. Es gibt verschiedene Sorten, da kommt es immer auf die Leitsubstanz in den Cannabisblüten an. Die Sorten sind verschieden intensiv und verschieden hoch dosiert und der Patient kann sich dann die Sorte aussuchen.

rosenheim24.de: Wie viele Apotheken machen da so mit?

Bauer: Wir sind hier glaube ich echt die Einzigen weit und breit, ich kann es nur vermuten, die nächsten wahrscheinlich in München. Es gibt auch in Deutschland nicht viele Patienten, die diese Sondererlaubnis haben. Zu uns kommt bisher nur einer, demnächst der Zweite.

rosenheim24.de: Wie stehen Sie allgemein Cannabis als Medizin gegenüber?

Bauer: Ich wundere mich selber manchmal, warum das so wenig genutzt wird, das muss ich ganz klar sagen. Man hat ja zunächst einmal im Studium viel gelernt darüber, dann liest und hört man sehr viel Positives. Es gibt ja auch ein paar fertige Arzneimittel die da verwendet werden, wir haben Cannabis generell in anderen Zubereitungen schon seit Jahren, Dronabinol z.B. 

Wir haben seit Jahren positive Erfahrungen, nur es traut sich irgendwie keiner drüber. Weder ein Arzt weiß, ob er es verordnen darf oder nicht. Wir hatten auch schon Probleme mit den Krankenkassen, dass sie das nicht erstatten. Legal ist es alles, je nach Zubereitungsform und wir haben nur positive Rückmeldungen. Aber es ist halt nichts offiziell Zugelassenes und deswegen traut sich da keiner drüber. Da kann man jetzt viel Rätselraten, woran es liegt. Es heißt immer, die böse böse Industrie steckt dahinter, ob das so ist, weiß ich nicht, das wird auch historische Gründe haben.

rosenheim24.de: Steht da ein Pharmakonzern dahinter?

Bauer: Nein, da gibt es sogar verschiedene Lieferanten. Da kann es jetzt nicht die Pharmaindustrie sein. Ich halte nichts davon, dass die böse Pharmaindustrie da immer angeprangert wird, das finde ich total doof. Ich meine, wo kommen die Arzneimittel her? Klar kostet das alles immer viel Geld und die Firmen müssen viel Geld in die Forschung stecken. Da investieren sie Milliarden in die Forschung und dann fällt ein Präparat durch und dann sitzen sie da. Drum haben wir halt manchmal so hohe Preise. Das ist immer schwer vermittelbar und man kann immer sagen, ‘die Pharmaindustrie ist böse und an allem schuld und korrupt, die Apotheker sind die Bösen, die Ärzte sind die Bösen, die Presse erzählt auch nur das, was sie sagen darf‘, also alles ist kontrolliert und gesteuert, das finde ich alles Käse.

rosenheim24.de: Verdient eine Apotheke auch an dem Cannabis?

Bauer: Ja, das ist wie bei jedem anderen Medikament auch.

rosenheim24.de: Klären Sie auch über Nebenwirkungen von Cannabis auf?

Bauer: Ja natürlich klären wir auch darüber auf, wie bei jedem Medikament.

rosenheim24.de: Wie wird das Cannabis in der Apotheke aufbewahrt? Müssen Sie das wegsperren?

Bauer: Ja, das wird ganz normal im Betäubungsmittelschrank aufbewahrt, wie z.B. Morphin oder Fentanyl auch, das ist ja ein Betäubungsmittel. Es wird genauso dokumentiert wie ein Betäubungsmittel.

Betäubungsmittel hört sich immer so dramatisch schlimm an, dass man dann da betäubt ist. Ein Betäubungsmittel ist ein Mittel, das in einer Liste drin steht. Das heißt nicht, dass die dann furchtbar giftig oder hoch dramatisch sind, die sind einfach kontrollierungsbedürftig oder streng überwachungsbedürftig, weil sie eben so intensiv und stark wirken, das ist aber kein Nachteil im Endeffekt. Darum haben wir ja auch unsere Ausbildung genossen, dass man damit umgehen kann. 

rosenheim24.de: Finden Sie, man sollte mit Cannabis als Arzneimittel offener umgehen?

Lesen Sie auch Teil eins und zwei der Serie:

- Rosenheimer darf legal kiffen: Die Geschichte von Karl Huber

- Was passiert, wenn die Polizei auf einen legalen Konsumenten trifft

Bauer
: Ich mache jetzt keine aktive Werbung für Cannabis. Ich kann es nur selber nicht nachvollziehen, warum diese wirklich vielen positiven Vorteile von Cannabis nicht mehr genutzt werden. Wir haben Leute mit Multiple Sklerose, wir haben Leute, die eine Chemotherapie machen, wir haben Leute mit Alkoholentzugssyndrom und und und. Diese Leute kommen dann her, die illegal was geraucht haben und sagen: ‚Das ist das Einzige, was mir wirklich hilft‘ und dann denke ich mir, warum nicht. Ich habe nichts dagegen. Wenn ich das auf legale Weise unterstützen kann, mache ich das. Warum das jetzt therapeutisch nicht mehr genutzt wird, warum das so hohe Hürden hat, weiß ich nicht.

Das ist wie bei den Betäubungsmitteln, die sind erklärungsbedürftig und wenn man sie sinnvoll einsetzt, hat das sicher seine Berechtigung. Ich bin mir auch sicher, da wird sich die nächsten drei bis zehn Jahre auch etwas ändern, das dauert eben. Ich kenne das seit ich hier bin, ich bin seit 2002 hier. Wir hatten dann Anfang 2003 die ersten Anfragen nach Cannabis. Letztes Jahr haben wir dann begonnen, das auch in der Rauchform herauszugeben. Ich kann wirklich nur Positives berichten.

rosenheim24.de: Greifen Sie auch ein, wenn Sie merken, damit wird Missbrauch betrieben?

Bauer: Das ist generell immer unsere Aufgabe, aber das sind wirklich immer Leute, die damit keinen Missbrauch betreiben. Die haben ihren Missbrauch teilweise schon hinter sich, wie z.B. mit  Alkohol. Die machen das ja, damit sie wieder normal drauf sind. Aber klar, wenn es einen Hinweis gibt, dass da Missbrauch betrieben wird, dann greife ich natürlich ein. Da gibt es dann diverse Möglichkeiten, das zu melden und das passiert dann auch. Das wird allgemein so gehandhabt, wie z.B. bei Schlafmittelmissbrauch, da gibt es für Cannabis keine Ausnahmeregelung.

Lesen Sie am Donnerstag ab 11.30 Uhr im vierten Teil der Serie "Cannabis aus der Apotheke" die Stellungnahme der Bundesopiumstelle zu dem Thema.

Quelle: rosenheim24.de

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