Reichen die Krippenplätze?

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Vorzeige-Krippe im Landkreis Rosenheim: In der umgebauten ehemaligen Bekleidungsfirma Fiedler in Babensham finden derzeit 18 Kleinkinder optimale Betreuungsbedingungen.

Rosenheim - 47 Kommunen - ein Thema: Wird es gelingen, bis zum 1. August, wenn der Rechtsanspruch auf Kleinkindertagesbetreuung einklagbar ist, ausreichend Krippenplätze bereitzustellen?

Gibt es genug Personal? Eine Bestandsaufnahme in Stadt und Landkreis.

Ende der 90er-Jahre hatte das Kreisjugendamt schon einmal eine Erhebung zum Bedarf der Krippenbetreuung durchgeführt. Das Ergebnis: "so gut wie null", erinnert sich Kreisjugendamtsleiter Johannes Fischer. Nicht einmal im Traum hätte er daran gedacht, dass der Bedarf einmal so explodieren würde. "Das familiäre Verständnis der Kinderbetreuung hat sich auch bei uns auf dem Land innerhalb kürzester Zeit radikal verändert", stellt er fest.

Heute gibt es im Landkreis keine weißen Flecken, sprich Kommunen ohne Krippenplätze, mehr. Von den 146 Kinderbetreuungseinrichtungen stellen 114 auch Plätze für unter Dreijährige zur Verfügung, teilt Fischer mit. Außerdem gibt es 13 reine Krippen im Landkreis. In vielen Kommunen wird nach wie vor auf Hochtouren an-, um- und neu gebaut. Die Politik hat erst unlängst nachjustiert: Der Freistaat Bayern hat das Sonderinvestitionsprogramm um ein weiteres Jahr bis zum 31. Dezember 2014 verlängert, teilen die CSU-Landtagsabgeordneten Annemarie Biechl und Klaus Stöttner mit. Der Bund stellt weitere Zusatzmittel, von denen über 90 Millionen auch in den Freistaat fließen, zur Verfügung, berichtet SPD-Bundestagsabgeordnete Angelika Graf.

Fest steht: Für 100 Prozent aller unter Dreijährigen einen Krippenplatz bereitzustellen, geht weit über das Ziel hinaus. Fischer nimmt an, dass im Landkreis je nach Erfassungszeitraum bis September 2013 oder März 2014 für etwa 25 bis 27 Prozent aller Kleinkinder ein Krippenplatz bereitstehen wird. In der Stadt Rosenheim wird der Ausbaugrad bezogen auf Kinder ab einem Jahr sogar bei 49 Prozent liegen, teilt Sprecher Christian Schwalm mit. Dort gebe es derzeit 18 Krippengruppen, deren Zahl sich bis Herbst/Winter 2013 noch einmal um 25 erhöhen werde.

Für den Landkreis geht Fischer davon aus, "dass wir bis zum 1. August vielleicht nicht hundert Prozent aller Elternwünsche abdecken werden können". Dauerhaft könnte sich das Kreisjugendamt jedoch vorstellen, dass sich der Bedarf bei etwa einem Drittel aller Kleinkinder im Alter von einem bis drei Jahren einpendeln wird.

Im Februar/März beginnt der neue Anmeldungszeitraum. Wenn er abgeschlossen ist, wird sich der Bedarf weiter konkretisieren. Die tatsächlich notwendigen Plätze genau zu berechnen, ist schwer, wirbt Isabel Neumüller, Leiterin des Bereiches Kindertagesbetreuung im Landratsamt, für Verständnis: Denn es gibt Eltern, die teilen sich mit anderen einen Krippenplatz, Kleinkinder, die nur vormittags, andere die ganztags eine Betreuung benötigen, Berufstätige, die zur Arbeit pendeln und ihre unter Dreijährigen lieber an der Arbeitsstätte als im Heimatort anmelden möchten. Gefordert sind die Kommunen auch bei der Finanzierung: Denn häufig gibt es eine Differenz zwischen den als förderfähig anerkannten Kosten und jenen, die tatsächlich für Neu-, Um- und Anbauten sowie Einrichtungen anfallen. Knapp bemessen seien außerdem die Fördermittel für die Personalkosten, bedauert Fischer.

Bei der Krippenverwaltung stehen ebenfalls neue Herausforderungen an: Es gibt rein kommunale und sogar private Einrichtungen, Krippen, die von Wohlfahrtsverbänden oder Kirchen getragen werden sowie Kooperationsmodelle mit Unternehmen. In vielen Orten fehle es noch an effizienten Verwaltungsstrukturen, die unterschiedlichen Partner der Zusammenarbeit - Kommune, Träger, Einrichtungsleitung - müssten sich oft erst zusammenraufen, berichtet Fischer.

Noch herrscht nach seiner Erfahrung außerdem vielerorts ein Kirchturmdenken. Kooperationen von Einrichtungen über kommunale Grenzen hinweg wie beim Standesamtswesen gebe es kaum.

Und ein weiteres Problem gibt es: der Fachkräftemangel. Im vergangenen Jahr sei er erstmals auch im Landkreis zu spüren gewesen, betont Isabel Neumüller. Die Ausbildung von auf Kleinkinderbedürfnisse spezialisierten Erzieherinnen komme mit dem Bedarf nicht mehr nach. Um Krippenpersonal sei daher ein regelrechter Kampf entbrannt: Träger aus München beispielsweise würden mit Vergünstigungen locken. Beste Strategien gegen den Personalmangel sind nach Überzeugung von Fischer jedoch "gute Arbeitsbedingungen". Einrichtungen dürften "nicht auf Kante genäht", Fachkräfte nicht "mit Zeitverträgen gepiesackt werden". Letztere würden oft mit dem Argument, den Betreuungsbedarf schlecht abschätzen zu können, angeboten. Doch angesichts "der dynamischen Entwicklung", die die Kleinkinderbetreuung erlebe, könnten Träger laut Fischer auf feste Teams bauen.

Als Alternative fördert das Kreisjugendamt außerdem das Tagesmütter(väter)angebot, berichtet Isabel Neumüller. 70 Frauen, die intensiv geschult worden seien, betreuen im Landkreis derzeit 290 Kinder daheim. Kommunen wie Stephanskirchen, wo bereits die neue Krippe mit zwei Gruppen den Bedarf dauerhaft wohl nicht mehr decken kann, wollen zusätzlich in die Förderung der Tagesmütterausbildung einsteigen.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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