Chieminger Geisel erzählt von den Nächten im Keller und der SEK-Aktion – Trick rettete den 56-Jährigen

James A. trickst Rentnergang aus

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James A. ist Deutsch-Amerikaner. Die Entführer aus Chieming haben ebenfalls einen Wohnsitz in Florida

Chieming - Er klingt erschöpft, seine Stimme zittert. Die beiden gebrochenen Rippen schmerzen gemein. James A. ist der Geschäftsmann, den die Chieminger Rentnergang verschleppt hat. **Video**

James A. (56) aus Speyer (Rheinland-Pfalz) war vier Tage lang in einem Keller bei Chieming gefangen gehalten worden, er wurde dabei immer wieder gequält – mit Schlägen, mit Nahrungsentzug, mit Anbrüllen, mit gemeinen Drohungen. Es ging wie so oft um Geld, um verlorenes Geld – in der tz erzählt der 56-Jährige von seinem Martyrium, und wie er die fünf Geiselnehmer letztlich überlistete.

Dienstagabend, es ist 19 Uhr: James A. sitzt mit Freunden in einem Biergarten in Speyer, die meisten trinken Weinschorle. Der Geschäftsmann verlässt die Runde früh, so gegen 19 Uhr, er will noch einen ausgedehnten Spaziergang nach Hause machen. Doch dort wird er an der Tür abgepasst, von Leuten, die er seit 25 Jahren kennt. Es sind Roland K. (74) und der US-Amerikaner Willi D. (60). Alle verbindet eine Geschäftsbeziehung – Immobilienanlagen in Florida, die James A. vermittelt hat.

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Finanzkrise lässt Erspartes dahinschmelzen

Mit der Finanzkrise versiegten zuletzt die Ausschüttungen und der Wert der Investitionen schmolz dahin, viel Anleger-Geld war weg. Das ganze Ersparte von Roland K. und Willi D., dazu Gelder des Ehepaars F. aus Schliersee. Die Polizei spricht von einem Verlust von 3,3 Millionen Dollar, James A. von einer Million. Oberstaatsanwalt Volker Ziegler aus Traunstein dazu: „Der Geschädigte hat sich darauf berufen, dass im Zuge der Finanzkrise Gelder nicht mehr zurückzahlbar seien und er dafür nicht haftet.“

Das brachte die beiden Ehepaare und Willi D. offenbar zum Durchdrehen. Wie sonst ist zu erklären, dass dieser grausame Plan anlief…

Der grausame Entführungsplan

James A.: „Ich wollte gerade ins Treppenhaus hi­neingehen, als ich von hinten geschlagen wurde.“ Seine Peiniger Roland K. (74) und Willi D. (60) waren ihm wohl vertraut: „Ihr?“, fragte er. Als Antwort wurde er gepackt und mit Klebeband umwickelt. „Ich schaute aus wie eine Mumie.“ Dann erneut Drohungen und Schläge, der Gefesselte wird in einen Karton gesteckt, zu einem Auto verfrachtet und im Kofferraum abgelegt. „Ich dachte, jetzt bist du tot“, erinnert sich James A. an den Dienstagabend.

Er weiß nicht, wohin es geht, er weiß nicht, wie langen es dauern wird, er weiß nicht, was ihn erwartet. Nur das Blut rinnt ihm vom Kopf, doch das kann der gefesselte Geschäftsmann nur spüren, im Stockdunkeln nicht sehen. Nach Stunden und einer Strecke von knapp 500 Kilometern erreichen die Entführer ihr Ziel: das idyllische Einfamilienhaus in Hart bei Chieming.

Im dunklen Keller-Verlies

Das Haus des Ehepaars K., von dem Nachbarn zu wissen glauben, „dass das ordentliche Leute sind“. Doch der Verlust des Ersparten macht die Rentner und ihre drei Komplizen zu Folterknechten. Denn jetzt beginnt das Quälen, mit nur einem Ziel: „Sofort her mit unserem Geld!“ James A.: „Ich wurde ins Haus geführt.“ Es ging dort in den Keller, ein Raum war für ihn reserviert, darin ein Klappbett und ein WC. Ein dunkles Verlies.

Immer wieder setzt es Schläge

Der Geschäftsmann wird geschlagen. „Immer wieder, sie drohten, mich umzubringen. Ich war mir sicher, dass ich sterben würde. Todesangst – es ist unbeschreiblich.“ Die Tage und Nächte vergehen, in der ganzen Zeit bekommt der Entführte nur zwei Teller Suppe zu essen.

Dafür zwischendurch immer wieder Drohungen und Forderungen der Entführer, die im Laufe der Zeit durch das in Schliersee bekannte Ärztepaar Gerhard und Iris F. (66 und 63) verstärkt werden: Die beiden haben ebenfalls viel Geld in den Sand Floridas gesetzt.

Die Stimmung in dem Haus wird zunehmend aggressiver. James A. sieht nur einen Ausweg, zu lügen, die Entführer auszutricksen. „Ich musste Zeit gewinnen. Ich musste die Situation entspannen.“

Rettung durch eine Lüge

Über das von ihm verlangte Geld verfügt er natürlich nicht. Doch James A. reißt sich zusammen und flunkert den Entführern vor, „dass ich das Geld mit dem Verkauf von Wertpapieren besorgen könnte“. Hierfür müsse er aber seiner Bank in der Schweiz ein Fax schicken. Aufs Fax an die Bank wurden zudem die Konten der Beteiligten angegeben, „auf die die Gelder überwiesen werden sollten“. Und dazu auch noch die Telefonnummer des Hauses in Chieming.

Immerhin sorgt dieses Vorgehen dafür, dass James A. am Freitag für eine Zigarettenlänge in den Garten gehen darf . Er will den „Freigang“ zur Flucht nutzen. Doch dieses Vorhaben misslingt.

Wieder beginnt eine Nacht, es wird die letzte werden in seiner Gefangeschaft. Um 4 Uhr früh bemerkt er Riesenlärm – das Spezialeinsatzkommando dringt in das Wohnhaus ein und befreit den Geschäftsmann. Alle fünf Entführer – die Ehepaare und der US-Amerikaner – wandern in U-Haft. Ihnen drohen wegen Geiselnahme bis zu 15 Jahre Gefängnis.

Dort werden sie grübeln, weshalb die Polizei mitten in der Nacht das Haus stürmte. Grund war ein weiterer Trick des Gefangenen: James A. hatte einen Zusatz aufs Fax geschrieben: Da er seinen Entführern weisgemacht hatte, dass er die Millionen nur mit dem Verkauf von so genannten Call-Optionen besorgen konnte, durfte er die (Fantasie)-Namen dieser Optionen im Fax nennen: call-pol.-ice. Jemand in der Bank hat jedenfalls mitgedacht...

Markus Christandl/tz München

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Quelle: rosenheim24.de

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