Chiemsee-Sturm: "Plötzlich wurde alles schwarz"

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Prien/Chiemsee - Die Serie von schweren Unwettern, die seit Wochen die Region erschüttert, reißt nicht ab. Nun gerieten bei einem Sturm 36 Boote auf dem Chiemsee in Seenot. Hier berichten Betroffene:

Im Chiemsee kam es am Sonntagnachmittag  zu einer der größten Rettungsaktionen der letzten Jahrzehnte. 36 Boote gerieten in Seenot: Sie kenterten, strandeten oder wurden vom Sturm auf den Weitsee hinausgeblasen. So mussten die Einsatzkräfte 61 Menschen in Sicherheit bringen. 60 kamen mit dem Schrecken davon, eine Seglerin (46) verletzte sich jedoch schwer.

Als die Warnleuchten zum ersten Mal aufblitzen, ist der Himmel noch blau, der See friedlich. Das Unwetter rollt versteckt aus Nord-West heran. Und es kommt schnell. "Die Warnung kam sehr früh", berichtet der Segler Christoph Schicht. "Aber das Wetter war so schön - kaum jemand hat die Gefahr ernst genommen." Das ändert sich schnell.

Im Hintergrund blinkt die Warnlampe, vorne werden zwei Segler gerettet: Alle Rettungsdienste rund um den Chiemsee waren am Sonntag bis in die Abendstunden im Einsatz, um 61 Personen von 36 Booten zu holen.

Um 15.32 Uhr erhöht der Deutsche Wetterdienst die Starkwindwarnung von 14.12 Uhr und löst Sturmwarnung für den Chiemsee aus. Für viele Segler ist es aber schon zu spät. "Plötzlich ist alles schwarz geworden", sagt Schicht, "das Gewitter hat uns einfach überrollt." Der 44-jährige Ebersberger ist mit einem sieben Meter langen Kajütboot unterwegs und erfahren auf dem Wasser. Gerade noch rechtzeitig holt er sein Segel ein. "Aber rings um mich herum hat es alle kleinen Jollen umgeworfen. Der Wind hat sie einfach umgeblasen."

Es ist 15.45 Uhr. 36 Boote kentern, 61 Menschen geraten in Seenot. An der Feldwieser Bucht in Übersee verlieren Eltern ihren 13-jährigen Sohn aus den Augen, der mit einer Segeljolle unterwegs ist, als der Sturm losbricht. Es wird Großalarm ausgelöst, Hubschrauber suchen den See ab, Taucher werden angefordert. Letztere müssen glücklicherweise gar nicht mehr ran: Wie sich herausstellt, hat es der Bub in Übersee selbst an Land geschafft.

Gleichzeitig gerät eine Seglerin (46) mit der linken Hand zwischen zwei Schiffsrümpfe, ein Finger wird laut Polizei "zertrümmert". Ein Teil davon muss der Frau in der Nacht zum Montag im Salzburger Unfallkrankenhaus abgenommen werden.

Eine Yacht versinkt, obwohl sie schon längsseits an einem Motorrettungsboot der Wasserwacht vertäut ist. Die Segler, zwei Urlauber, werden von der Wasserwacht gerettet. Beim Abtauchen schlägt das Schiff gegen die Unterseite des Rettungsboots, das noch auf mögliche Schäden hin untersucht wird. Das Kajütboot liegt jetzt zwischen Bernau und Herreninsel 17 Meter tief auf dem Chiemseegrund. Heute soll es geborgen werden.

Boot kentert vor Strandbad Übersee

"Der Wind hatte Orkanstärke", berichtet Eleonore Pelzl, die sich mit ihrem Elektro-Boot noch rechtzeitig ans Ufer retten kann. "Der Chiemsee wird oft unterschätzt - jetzt hat man ja gesehen, wie schnell das gehen kann." Besonders gefährlich sei das "fliegende Wasser" - "die Gischt steht oft so hoch, dass man beim Schwimmen keine Luft mehr bekommt".

Gekentert und gestrandet: Vor allem kleine Boote hatten gegen die Sturmböen keine Chance.

Teilweise spielen sich dramatische Szenen ab. Vom Strandbad Übersee aus beobachtet Augenzeuge Stefan A. aus Rosenheim, wie ein kleines Segelboot (an Bord: eine vierköpfige Familie) kentert. Ein herbeieilendes Elektroboot nimmt die Kinder auf, den Erwachsenen gelingt es irgendwie, das Schiff auf der Seite liegend an Land zu schieben - ein Kraftakt. "Der Wind peitschte so heftig, dass wir schon am Strand kaum stehen konnten", sagt Stefan A. (28).

Wie stark die Böen waren - darüber gehen die Meinungen auch unter den Einsatzkräften auseinander. Die einen sprechen von "maximal Windstärke 6" auf der Beaufort-Skala von 1 bis 12, andere von "8er- oder sogar 9er-Böen". Im Einsatz sind alle fünf Chiemsee-Wasserwachten (Bernau, Prien, Seebruck, Chieming, Übersee), ebenso wie DLRG, die Feuerwehren Prien und Übersee, Wasserschutzpolizei, Taucher aus Österreich und Hubschrauber-Besatzungen. 15 Rettungsboote nehmen die verschreckten Segler auf und ziehen die havarierten Boote an Land. Auch die großen Dampfer der Seenschifffahrt ändern ihren Kurs und nehmen Schiffbrüchige auf. "Innerhalb von einer Stunde war der See komplett leer", sagt der Segler Christoph Schicht. 60 Minuten zuvor hatten noch über 1000 Boote auf dem Bayerischen Meer "gekreuzt".

Sturm auf dem Chiemsee

Viele der hundert Rettungskräfte, die am Sonntag ihr Bestes gaben, wunderten sich gestern bei der Bestandsaufnahme über das Verhalten der Segler. "Einige waren ziemlich fahrlässig - sie konnten doch sehen, wie die schwarze Wand anrollt. Manche Leute sind einfach unvernünftig und warten bis zum letzten Moment", so ein Wasserschutzpolizist

Um 14.12 Uhr sprangen die zwölf Warnblinkanlagen an, die rund um den Chiemsee verteilt sind. "Die Lampen sind von jeder Stelle des Sees aus sichtbar, aber man muss halt hinschauen", so ein weiterer Retter. Auch für Einsatzleiter Klaus Praßberger von der Wasserwacht Bernau war es eine vermeidbare Fast-Katastrophe: "Dass das Wetter plötzlich umschlagen wird, haben Meteorologen schon zwei Tage vorher angekündigt. Alle haben gewusst, dass etwas kommt."

tsc/ls/db/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © Berger

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